Windstille

Windstille

Es gibt Tage da pflege ich die Windstille. Der Sommer steht bevor und alles wird ein bisschen einfacher, allerdings wird es hier schwieriger sein etwas Ruhe zu finden, denn man hat mir dieses Jahr den Terror direkt vors Dorf gestellt.
Es finden die modernen Kreuzzüge statt, die Holländer spielen gegen die Spanier, die Franzosen gegen die Deutschen, die Schweizer gegen die Kroaten und ich frage mich, was die eigentlich alle vor meiner Haustüre suchen.

Kein Problem für mich, solange ich noch beweglich genug bin um meinen Haushügel zu erklimmen, damit ich die Windstille auch dieses Jahr geniessen kann. Seit meine Fahrräder breite und fette Reifen haben sind Ausflüge auf den wenige Bikeminuten entfernten Hügel die Regel. Klar, damals war es mehr Berg als Hügel, aber heute sehen Berge definitiv anders aus. Es ist also eher eine gemütliche Sonntagsspazierfahrt als eine grobe Tour und immer wenn ich ein paar offene Fragen habe, wie zum Beispiel «Wo ich denn überhaupt noch hin soll auf dieser grossen Kugel.» Dann bekomme ich sogleich auch Antworten, «Ich komme wieder hier her.» Irgendwo treffe ich dann mein lieblings Bänkli an, lasse mein Herz auf kaum zählbare 50 Schläge pro Minute sinken und lege mich für eine Weile hin. Die Welt kann mir dann gut und gerne gestohlen bleiben.

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Ich als alter U-Boot Veteran und Meister des Schiffli versenkens, weiss natürlich, dass man wichtige Wegpunkte zum eigenen Schutz nicht preisgeben soll, deshalb folgen besser auch keine Koordinaten. Nicht, dass ein paar wenige Leute auf die Idee kommen, man müsse jetzt hier oben vor lauter Schönheit auch noch einen Einkaufstempel und einen riesigen Betonklotz hinstellen, da wurde ja früher den Römern noch mehr geboten. Ich meine so für Gladiatorenkämpfe in den antiken Stadien und Arenen wäre ich jetzt noch zu haben, aber dieses hiesige Fussball-Business-Arena-Gedöns bringt mich kaum in Wallung. Kurzerhand werden Kämpfe mit «Fairplay» etikettiert, damit man diesen Tumult auch noch gerade als sympathischen Familien-Event verkaufen kann – ich weiss nicht, ist nicht so mein Ding.

Ein kleiner Lichtblick hat sich allerdings aufgetan, zumindest habe ich das Gefühl, dass mein Beitrag an Steuergelder nicht nur für diesen Euro08™ Tumult missbraucht wurde, so hat man auch mal auf die andere Seite geschaut und an die feinen Stimmen gedacht. An einem Tag der rund drei Wochen dürfen ein paar Talentschnüffler ein Festival auf der hier nun vorhanden Infrastruktur organisieren. Auf den Tourdaten einiger Bands dieser Welt taucht nun irgendwo zwischen London, Glasgow, Brighton, Bristol, Toronto, Perth, Mountenview Californien, New York, Madrid, Lissabon auch dieser komische Ortsname Dieterswil auf, ein hundert Seelen Kaff irgendwo in der mittelländischen Pampa, einen Weiler nebenan, wo ich gross geworden bin und eigentlich immer noch lebe.

Ich werde also in den drei Wochen Terror auch mal einen Tag Musik hören und nicht immer nur dieses Gegröle und Gebrüll dieser herrenlosen und besoffenen Römern anhören müssen – ehm sorry Fans und Gäste, deren Heimat sie sich knapp auf eine Fahne malen können.
Es ist schliesslich nicht selbstverständlich, denn die Exekutive in den demokratische Staaten brauchen Geld und das wird meist von eifrigen Geldsammlern und deren hohen Steuerabgaben geliefert – dies nicht selten auf Kosten von eifrigen Arbeitnehmern oder eben dem Volk, diesen billigen römischen Soldaten. Darum schüttelt man sich auch gerne gegenseitig die Hände, um sich gegenseitig einen Gefallen zu tun und man trifft sich in diesen VIP-Lounges am höchsten Rand dieses riesigen Betonklotzes. Hier kann man sich wie zu Cäsars Zeiten ganz nach römischer Manier vollsaufen und vollfressen lassen.
Ich will mich aber bedanken für den Tag Musik in meinen Ohren und rufe als Dank für einmal Hopp YB, Hopp YB…
Achso, das ist jetzt der falsche Zeitpunkt? Nunja, die Götter spielen halt nicht immer mit, was man tun muss, damit sie immer auf der richtigen Seite stehen? Das ist jetzt wieder eine andere Geschichte – erzähle ich vielleicht ein andermal, hab gerade keine Zeit und Motivation, meine Hängematte im Garten wartet.

posted by chrigu  |  on 12. Mai 2008
in Personal Stuff   |  
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