Where Myths and Legends are born
Where Myths and Legends are born
Die Schotten ein urchiges, wildes und eigenständiges Volk, so wie ihre landschaftlichen Kulissen selbst. Die Gesichter alles andere als zierlich, dafür geprägt vom kalten windigen Wetter. Ein Land wohl eher für aufständische Bauern, harte Burschen und wütige Krieger.
Gehe ich nach historischen Geschichtsbüchern dürfte zwischen den nördlichen und südlichen Gefilden dieser Insel einiges an Blut geflossen sein. Doch Holzköpfe und Raufbolde wird es in den Highlands bestimmt nicht nur gegeben haben. Der Zufall will es so, dass ich kurz bevor ich meine 200 Pferde in Richtung Norden dirigiere, an einer Fotovernissage einer Kollegin eines Kollegen teilnehme. Die Bilder lassen mich schon mal auf meine verdienten dreiwöchigen Ferien einstimmen und ich treffe hier auch einen waschechten Schotten an. George W. Macpherson erzählt uns unterhalb der Lorrainebrücke Geschichten über schottische Mythen und unsterbliche Legenden. Zweifellos schöne Geschichten, die er da über die Jahre in seiner Heimat Isle of Skye gesammelt hat.
Zum Beispiel diejenige vom seltsamen Jungen der am Meeresufer eine Harfe fand und die er nicht zu spielen wusste. Die besorgte Mutter brachte ihn darauf zum «Dark Doctor», dieser konnte helfen, forderte aber als Gegenleistung ihre Seele. Kaum war sie nach Hause gekommen, spielte ihr Sohn schon die wundersamste Musik. Doch der Junge merkte bald, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmte und versuchte den «Dark Doctor» dazu zu bewegen, den Handel aufzuheben. Dieser lachte nur und erschien kurz darauf, um die Seele der Mutter einzufordern. Seit diesem Tag hatte jede Harfe, wann immer sie irgendwo gespielt wurde, diesen sonderbaren, melancholischen Klang.
Oder da wäre noch die Geschichte Diarmaids, dessen Länge und seine Strapazen in den Cullins mir jetzt doch etwas zu mühsam zum Zusammenfassen sind. Am Ende hatte Diarmaid nie mehr wirklich eine Frau geliebt. Aber alle Frauen verliebten sich ihn und so war er fortan nicht nur einer der Schönsten und Mutigsten aller Fianna, sondern auch einer der Meistgeliebten. Diese Tatsache war es aber auch, die schlussendlich zu seinem grausamen Tod geführt hat, aber dass sei wieder eine andere Geschichte.
Im Geschichten schreiben war ich schon immer eine Niete, die letzten zwei Stunden am Dienstagvormittag zu meiner Sekundarschulzeit, werde ich wohl ein Leben lang nie vergessen. Schlug die Pausenglocke viertel nach zehn, entlud sich Minuten danach mein seit einer Woche angespanntes Leid, schlug die Glocke zwölf war das meine Erlösung, weil in dieser Deutsch Doppellektion theoretisch einen unvorbereiteten Aufsatz angekündigt werden konnte. War es so, schwamm kurz vor zwölf mein Füllfederhalter im Schweissbad, die rechte Hand total verkrampft und feuerrot. Meine Pultnachbarn hatten ihren Platz schon längst geräumt, sass ich als letzter da und dieses rothaarige Huhn verlangte meine halbfertigen Blätter. Ich fragte bei ihr nur einmal wie viel Text es denn sein dürfte, eine Seite dass war klar, doch eines Tages wurde es noch konkreter. Bei Schriftgrösse zwei Häuselchen, dann bitte Zweiseiten. Das hiess auf einen Schlag doppelt soviel Buchstabensalat!
Ich gehörte im damaligen Alter vielleicht zu einer Minderheit, die Samstagabends in der Gegend mit dem Töffli herumkurvten, aber bei weitem nicht einer der es immer tat. Die Suche in der dunklen Nacht nach etwas, dass wir irgendwie nicht hatten, wurde durch elterliche Vorgaben eingeschränkt. Die Zeit und deren Limiten konnten nicht manipuliert werden, der Kilometerzähler meines Belmondo Malaguti Fiftys hingegen schon, wodurch sich der Aktionsradius erheblich erweitern liess und sich somit nicht nur auf die angeblich von der Gemeinde beaufsichtigten Jugendaufnahmezentren beschränkten.
Es gab aber auch oft Samstagabende wo ich lieber zu Hause blieb, vorallem dann, wenn mir etwas schwer auf dem Herzen lag. Dies erzeugte gewaltige Energien, da war mir dann auch der Sonntagmorgen nach einer langen Nacht recht genug, es in einer Art Schreibwut zu entladen. Das war damals auch der Fall, als ich vom fakultativen Englischunterricht suspendiert wurde, wegen ungenügenden Leistungen, etwas dass ich persönlich nur schwer verstehen konnte, aber schonmal eine gute Erfahrung und Vorbereitung war, weil so subtil kann schliesslich auch in der Wirtschaftswelt und anderen Orten zu und hergehen. Dass es gemäss vorgängigen Klassen immer die selben traff, half mir in der damaligen Situation nur wenig, also eröffnete ich auf meiner ersten eigenen Schreibmaschine einen neuen Ordner. Er hiess Briefe und lag auf einem Apple PowerMac 7500/100 mit ClarisWorks – bei solchen Traummassen frage ich mich heute, was ich in diesen Deutschstunden mit meinem schönen Füllfederhalter eigentlich verloren hatte.
Briefe sind was wichtiges, darum wurde dieses Verzeichnis bis heute von Maschine zu Maschine sorgfältig migriert. Weshalb ich noch heute auf meinen ersten Liebesbrief zurückgreifen kann, den ich damals als junger 16-jähriger Knirps meinem Englischlehrer schrieb. Natürlich gabs dieses erwähnte Handbuch auch in deutscher Form, aber schlaue Füchse wissen schliesslich was wichtig ist. Mit Briefumschlag legte ich diesen Brief ins Lehrerzimmer und noch heute verarbeite ich dieses Bild, wie er damals nach der grossen Pause unter meiner Beobachtung das Lehrerzimmer verliess. Ein wenig auf die Zähne beissen musste ich, waren das jetzt ein paar Buchstaben zuviel?
Er war ja eigentlich noch ein netter und ich wusste in London dank seinem Geschichtsunterricht wieder, was es mit dem «Domine Dirige Nos» auf sich hat. Tja, was das Kriegen anbelangt, da hilft irgendwann auch das Hoffen und Beten nichts. Es liegt irgendwie in meiner Natur, die Sachen auseinander nehmen, weil ich halt wissen möchte wie sie funktionieren. Wenn es mir was Wert ist bastle ich es wieder zusammen, sonst lasse ich es aber auch gerne sein. Was in frühen Jahren mit technischen Geräten seinen Anfang nahm, führe ich jetzt mit Beziehungen und Geschichten fort. Ich wollte schon immer Wissen, warum sich Leute die Mühe machen und in den kommenden Wochen so einen Stern zuoberst auf einen pyramidalförmigen Baum stellen.
Die Geschichten sind es übrigens nicht, welche mich ursprünglich dazu bewogen haben, diesen Flecken im Norden Grossbritannien zu besuchen. Wann immer ich auf Reisen gehe oder ich sonstige Ausflüge plane, lasse ich mich gerne von schönen Bildern verführen. Ich mag die Bilder mehr als die Wörter, dass war schon immer so. Weite und wildromantische Hügel zwischen Tälern und mit dunklen Wolken verhangenen Bergen, dass war meine Sehnsucht, die mich hier nach Schottland trieb.
Auch bin ich hier, weil ich meiner starken Katze etwas mehr freilauf gewähren kann. Zu Hause in unserer engen ländlichen Gegend geht da nicht viel. Die Strecke zwischen Broadfort und dem netten Städtchen Portree, auf der Isle of Skye, welche sich liebevoll durch die Cullins schlängelt und eine prächtiges Szenerie bietet, muss ich wohl mehrmals gefahren sein. Nicht grundlos – ich habe immer einen. 40 Kilometer Piste vom feinsten, 20 Minuten lang ein befreiter Kopf…, meine Blicke fokussiert auf die paar dutzend nächsten Meter, meine Gedanken bei Strassenmarkierung, den auftretenden Beschleunigungskräften und nicht zuletzt beim vorangehenden Fahrzeug, welches mir gut den Weg frei hält. Ein für die Geschwindigkeit etwas zu hoch geratener Lieferwagen, den es jeweils gefährlich zur Seite neigt, aber er wird die Strecke schon tausendmal gefahren sein und weiss offenbar was Sache ist. Schweizer Bähnler und andere mögen mir bei vorangehenden Worten vielleicht Unverständnis zeigen. Zur Beruhigung, diese Art von Entspannung leiste ich mir zu Hause in den engen Gefilden nur auf meinen MTBs.
Das Gesellige und Soziale spielt sich auf dieser wetterbedingt rauhen Insel eher drinnen ab. Man speist in diesem aussergewöhnlich guten Lokal, dass man in Portree findet oder trifft sich Abends in den Pubs. Auch ich kann da vieles lernen, so zum Beispiel frage nie ein Cricket Trainer aus England, ob sein Spiel etwas mit dem amerikanischen Baseball zu tun hat. Sein Vortrag war mir ein wenig zu lang. Ich schliesse trotzdem schnell Freundschaft mit ihm, er hat grosses vor und verlässt das Land auf unbestimmte Zeit. Weniger wichtig das Land als vielleicht mehr seine verlassenen Jungs der Newcastle Cricket Mannschaft. Sein Natel piepst ständig und wird mit Abschiedsgrüssen und netten SMS belastet. Er will es sich trotzdem nicht nehmen lassen, sein lange angespartes Geld für seinen Südamerikaaufenthalt zu gebrauchen. «You know, most of all my friends playing cricket», «Ahh yea, I can understand». Für das Pärchen aus Tschechien war sein Vortrag vielleicht ebenfalls zu lang, so interpretiere ich jedenfalls ihr Gelächter. Er hinterlässt mir allerdings durch seine Körpergrösse und seine Klamotten in allen schönen hellblauen Farben einen grundsoliden Eindruck, trotzdem interessiert es mich was ihn dazu bewegt Newcastle für unbestimmte Zeit den Rücken zukehren. Schlechte Perspektiven in seinem Job, schlechte Schulnoten und andere Dinge kommen zum Vorschein. Ja, ich bin manchmal auch Seelenklempner, behandle verdrängte Wunden, öffne und wasche sie. Ein wenig Lebenserfahrung habe ich schliesslich auch und ich möchte einfach nicht, dass mein Freund, wenn er die weite Welt betritt, irgendwo noch den Blues kriegt. Meine Operationen verlaufen schmerzfrei, er wird von meinen Absichten nicht einmal Kenntnis nehmen. Von der Krankenkasse werde ich nicht gesponsert, aber das Pint Bier hat er mir übrigens für meine Herausforderungen sehr gerne geschenkt. Die nette Französin welche von Backpacker-Lager auch noch mitgekommen ist, sollte ich selbstverständlich auch noch erwähnen. An unserem netten Abend zu fünft sind ihre Wangen vielleicht doch etwas gar rot geworden, für dass sie auf ihrem Barhocker nicht wie Huhn vom Stängeli fällt musste sie aber schon selber sorgen. Sie wird am kommenden Tag doch eher die Castles besuchen hat sie mir mitgeteilt, dass kommt mir gerade gelegen, weil ich das Herumklettern in den Felsen des Old man of Storr nur für mich verantworten kann.
Ein magerer Reiseführer macht mich gelegentlich auf Sehenswertes aufmerksam. Für das Abspulen meiner programmierten Wegpunkte verfüge ich sowieso über Hightech-Navigationssysteme. Das Teil, welches nebenbei auch telefonieren kann, kündigt mir präzise Richtungswechsel an, blendet jeweils schöne Töne ein und aus und leistet mir nicht nur auf der Strasse gute Dienste. Wo die Unterkünfte und die schönen Pärke sind weiss es ebenso, wie die Längen- und Breitengrade der nächstgelegen Kaffeehäuser. Wozu bräuchte ich da noch jemand auf dem rechten Sitz?
So besuche ich nicht nur das Tal des Glen Coe, besteige kurz den Ben Nevis – für den Mann aus den engen Gefilden ein Spaziergang und gönne mir dann beim Kaffee des Glennfinnan einen kleinen Walnusskuchen, die Pfunde habe ich lieber dafür ausgeben als für den Besuch des gegenüberliegenden Denkmals. In meinem bunten und tourismusfördernden Buch finde ich beim Verzehr meiner Süssigkeit ein paar Zeilen über Vergangenes. Die Täler in dieser Umgebung waren Grundlage für Massaker und dienten später auch als Filmkulissen. Beim Titel «Braveheart» mag ich mich noch knapp an eine Geschichtsstunde erinnern, als mein werter Kollege in einem Geschichtsvortrag eine Szene über den Bildschirm flimmern liess, wo die Schotten ihr allerwertestes zum Besten gab und sofort mit Pfeilen malträtiert wurden. Mein Kollege hatte schon immer eine gewisse Affinität zu solchen Sachen, nur schwer wussten wir jeweils in der Klasse, wie wir seine Lachkrämpfe auf den Boden brachten. Mein Vortrag über die MTBs schien nicht ohne Nebenwirkung, fortan wurden mehrheitlich die Pedale malträtiert. Noch heute begleite ich ihn, seine Kräfte auf den Pedalen kaum bezwingbar, aber ich kann da noch gut mithalten, notabene mit teils grauen Haaren. Seine Geschichtsnoten glänzten, meine natürlich eher nicht. Ich werde es mir vornehmen, an einem langweiligen Winterabend noch diesen Film anzugucken und ein paar Nachforschungen bezüglich Massaker zu betreiben, wenn ich aus den Ferien zurück bin, versteht es sich. Die Verschwörung wurde damals offenbar direkt auf Papier besiegelt, ein gefundenes Fressen für die Romantiker der Filmindustrie.
Auch ich habe schon das einte oder andere Massaker erlebt, ein komisches Gefühl beschleicht mich, eigentlich möchte ich beim schönsten Wetter meine Wanderungen zwischen Glen Coe und dem Ben-Nevis-Massiv geniessen, dass wenige was mich hier jedoch in meinem Kopf beschäftigt sind ein paar Leute, denen ich wohl die Köpfe abgerissen hätte, wären sie hier aufgetaucht. Soweit kommt es natürlich nicht, keiner wird sich hier ausserhalb der Hauptsaison blicken lassen, diese schöne Täler beanspruche ich für mich.
Je weiter nördlicher man in den Highlands geht, desto weniger werden die Dörfer und mehr werden die weitläufigen wildschönen Landschaften. Nach einer Fahrt durch das Tal von Achnasheen, bei dem das Wetter von stürmischen Regenfällen zum eitlen Sonnenschein so schnell wechselt, wie ich nicht einmal fahren kann, trifft man dann Leute an, die längst nicht mehr das Suchen was sie beispielsweise in London tun. In Torridon, ein kleines Dorf mit ein paar Häuser, wo ich nicht geglaubt hätte, dass es er hier eine Jugendherberge gibt, lasse ich mich entspannt nieder, ein Ort wo man kaum noch die Selbstverwirklichung in seinen Berufungen sucht.
Die vier einfachen Doppelstockbetten in diesem gemütlichen Zimmer teile ich offenbar nicht mit mir selbst. Ein grünes Outdoor Shirt hängt zum Trocknen an der Wand, ein Bademantel und eine kleine gediegene Tasche liegen auf dem bezogenen Bett und die braunen Lederpantoffeln darunter. Der wohl ältere Mann hätte es sich bestimmt auch leisten können eine noblere Unterkunft zu buchen, aber er ist wahrscheinlich auf ein bisschen Geselligkeit aus. Die Zimmertüre öffnet sich, ein sehr warmes offenherziges «Oh, Good Evening!» begrüsst mich. Ich grüsse kompetent zurück und verstecke mich noch ein wenig hinter meinem Apfelbuch und frage nach einer kurzen Weile trotzdem mal, «So, you had a long walk today?». Die gewanderten Meilensteine werden kurz rapportiert, aber seine Stimme blieb zuletzt ruhig und eher bescheiden, «You know, something that makes you hungry and thirsty.» Bevor wir uns mit unseren Esswaren in die grosse Küche zurückzogen, wusste er doch noch etwas zu wettern, nicht die stürmischen Winde als vielmehr das British Government, welches diese Tage wieder ein paar Soldaten in die Wüste von Afghanistan entsandte, brachte ihm wahrscheinlich wieder ein paar graue Haare mehr. Meine Philosophie und ein paar aufklärende Worte zu solchen Themen konnte ich nicht unterbinden, es wird am Schluss nichts anderes übrigbleiben, als sich über seinen eigenen Kopf zu ärgern.
Er ist ein gestandener Herr, seine wenigen Worte bleiben in jeder Situation ruhig, sachlich und er behält jeweils gut die Übersicht. Ich mag diese Leute sehr, es sind meist auch gute Zuhörer und wenn sie etwas mit Stolz zu erzählen haben, dann natürlich von ihren Kindern, da spiele ich jeweils der gute Zuhörer. Er sei in Schottland aufgewachsen und habe in Wales jahrelang gearbeitet, er würde sich kurzum als Brite bezeichnen. Trotzdem oder gerade deswegen, lasse ich mich gelegentlich auf kleine «Dogfights» ein. Seine grünen und rosa Streifen auf seinem Pullover verrieten mir, wenns drauf ankäme, halte ich klar die Nase vorn. «Mammut, is this the company you are working for?». Hier musste ich ihm meine Unabhängigkeit erklären. Ich mag einfach diese Tiere, darum haben meine Kleider oftmals so rotweisse Stickereien. Für was er sich so die meiste Zeit aufgeopfert hätte, frage ich ihn, dürfte er doch vielleicht etwas mit den Diensten der Royals zu tun haben. «I’m retired», «So, you are free?», meine Frage blieb unbeanwortet, während er in den untersten Tablaren nach einem geeigneten Gefäss suchte, um seine Teigwaren weich zu kochen, derweil ich versuchte meine faden Raviolis zu würzen.
Vielleicht sollte ich das Thema wechseln, wenn er schon von Schottland käme wusste er sicher ein paar nette Orte. «You are the Swiss and came here by car?», mein Nummernschild selber schöner anmalen war halt eine schlechte Idee, seine hochgezogenen Augenbrauen verrieten mir aber, dass bei diesem Thema vielleicht ein grösseres Interesse lag. Bridgestone Potenza’s 225/40 R18 und hohe Wanderstiefel sind zwei verschiedene paar Schuhe, die so nicht zueinander passen wollen, für mich wurde es schwieriger diese Person einzuordnen. Er erzählte mir von der Küstenstrasse nach Applecross und dem kurzen Abstecher über den Pass Beallach na Bà, «It makes…» und da kam plötzlich seine rechte Hand ins Spiel, mit Leidenschaft zeichnete er zick- zackartige geschwungene Linien in die Luft. Sein Gesicht glänzte etwa so, wie wenn mir mein Grossvater früher etwas über seine entwickelten Relaisschaltungen der PTT erzählte. «My wife doesn’t like it, but…», da hatte er jetzt schon ziemlich ein freches Grinsen drauf. Diese Thematik kenne ich vom hören sagen, ich weiss jedenfalls nur warum ich gerne alleine Unterwegs bin.
Seine Nudeln waren mittlerweile weichgekocht und meine Raviolis gut gewürzt. Er nahm an einem leeren Tisch platz, stützte mit der linken Hand seinen Kopf ab und wucherte mit der rechten in seinen Teigwaren. Wenn ich von niemandem gestört werden wollte, machte ich das als kleines Kind auch immer so. Also suchte ich mir einen anderen der restlichen zehn leeren Tischen. Ein schlechtes Bild, aber es war wohl besser so.
Ich lag schon in den Federn und wollte mir meine Kuscheldecke übers Ohr ziehen, da öffnete sich wiedereinmal die Zimmertüre. Er sei mit seinem Buch im Aufenthaltsraum bereits gefährlich tief in den Schlaf gefallen, setzte sich auf den Stuhl und befreite sich von seinen Schuhen. «You had enough?», war das einzige was ich so spontan über meine Lippen brachte, ein müdes Lächeln bekam ich als Antwort darauf. Er würde sich nun zur Ruhe legen, aber ich dürfe das Licht nur weiter brennen lassen, es mache ihm nichts aus, meinte er jetzt noch grosszügig. Der Lichtschalter lag in seiner Griffnähe, das Buch hatte er bereits wieder in seinen Fingern. Ans Einschlafen war so einfach nicht zu denken.
Wahrscheinlich war ich nicht ganz unschuldig an dieser Situation, aber etwas würde es bestimmt geben, womit wir zufrieden die Lichterlöschen konnten. Er war bei der Royal Air Force. «Oh, during the Second World War?», meine Hoffnung lag bei abenteurlichen Geschichten, «Ouuh Dear, if so, I would be almost death». Ach ja stimmt, so alt konnte er nun doch nicht sein. Er war zuletzt auch Luftibus-Chauffeur, «You know, I flew people in their holidays», meinte er bescheiden, aber das Buch konnte er dabei immer noch nicht zufrieden zur Seite legen. Da ich mich unter gewissen Lebensumständen auch noch für alles was Ort und den Boden verliess interessieren kann oder es jedenfalls mal konnte, bestand noch Hoffnung. Das Wissen meiner Wenigkeit würde bestimmt nicht reichen um die Nacht damit um die Ohren zu schlagen, aber für dass er den Lichtschalter betätigen würde, dafür sollte es reichen.
Was er den so geflogen sei und er erwähnte dabei auch die grossen der europäischen Bauart, dessen Buchstabe und Zahlenkombination mir noch so knapp geläufig ist. «They were good planes too!», sagte er nicht ohne stolz. «Yea, they fly almost by herself», vermute ich. «Noouuuu, we had to feed this computers.» Tiere kann man füttern, die Computer eher weniger. Die Tiere mochte er denn vielleicht mehr als diese emotionslosen Zahlenmaschinen, welche jedoch durchaus auch ihren Reiz haben können, finde ich. «The computers did a good job», meinte er doch, drehte den Kopf kurz zur Seite und wurde dabei nachdenklich. «In the army, uhhh… I had more much fun there, flying at low levels!» und da war wieder seine rechte Hand, welche mit zufriedenem Gesicht geschwungene Linien in die Luft zeichnete. «The Swiss!», meinte er jetzt ganz ernsthaft und er war offenbar beeindruckt wie sie da in den engen Gefilden herumkurvten. Da es in meiner «One Man Army» kaum Raum für solche Sachen gäbe, wusste ich auch nicht viel darüber zu berichten. Ausser, dass die erwähnten Hunters glaube ich auch nicht mehr so aktuell wären und dass es von den neueren 36 Stück gäbe – oder waren es jetzt doch nur noch 35? Jedenfalls fügte ich meinem Satz und dieser Zahl abschliessend ein «only» hinzu, um darauf hinzuweisen, dass man damit keine bösen Sachen anstellen konnte, weder in Afghanistan noch sonstwo. «Well, that’s good too!», da waren wir glaube ich nun beide zufrieden. Er wünschte mir ein aufrichtiges «Good Night!», wusste es sogar noch in die deutsche Sprache zu übersetzen und betätigte endlich diesen Lichtschalter.
Am Morgen danach sah ich aber bedeutend frischer aus als er, «you had a good sleep…», fragte er mich in einem Ton, den ich von einer ehemaligen Führungsperson nicht so gewohnt bin. Nun dass spielte in einer Jugendherberge eben auch keine Rolle. Ich beantwortete seine Frage mit einem «It went», um die Geschichte nicht in eine endlose Raserei ausarten zu lassen.
Ein Blick nach draussen versprach einen fast wolkenlosen Tag. «We will see», meinte er etwas unsicher. Er würde vielleicht ja wiedereinmal seine Tochter in Genf besuchen, dachte ich. Oder vielleicht hätte er meine geschriebenen Postkarten bemerkt, welche ich prominent vors Fenster platziert hatte. Jedenfalls konnte ich jetzt nicht schnell genug meine paar Sachen zusammenpacken und mit guten Gewissen den Weg nach Applecross in Angriff nehmen, bevor er dann von meiner Radarfläche verschwand. Ich werde ihn aber in guter Erinnerung behalten, einer der wenigen dem ich das Gaspedal anvertraut hätte.
Das Reiten und Durchwandern in aller Abgeschiedenheit der nördlichen Gegenden macht hungrig, nach ein wenig Leben und belebten. Bevor ich Edinburgh verlassen hatte, blies mir der Wind einen Zettel vor die Füssen. Die Groove Armadas würde noch ein Ständchen geben, es wäre die Gelegenheit auf dem Gurten verpasstes nachzuholen und würde auf der Heimreise von meiner Zeitrechnung her gut in meinen Plan passen. In Birmingham UK kurz vor der Custard Factory – irgendwie so ein kleines Künstlerviertel – lege ich dann temporär auch meine Waffen ab. Das macht man so, «because we will have a good time». Groove Armadas, Chase & Status, The Freestylers, Stanton Warriors. Namen, Persönlichkeiten und Bühnen soweit das Auge und Gehör reicht. Da weiss man gar nicht wo man anfangen und hingehen soll. Das gilt auch für die Dinge, die zu Hause nicht in meinem Garten wachsen. Hühner und geschmeidig schöne Katzen. Viel zartes Fleisch. Gefressen habe ich aber weniger, als vielleicht mehr Massstäbe gesetzt.
Ich krieg nochmals ordentlich Schub, Birmingham UK an Electric City, ein wenig Schlaf, ein Frühstück, ein bisschen Schiffli fahren, ein Tankstopp und dann auf die Pisten nach Hause einspuren. Genauere Raum- und Zeitangaben werde ich nicht preisgeben und schon gar nicht wie schnell meine schwarze Katze zu später Stunde über die deutschen Autobahnen springt. Nur soviel sei verraten, die Karre sitzt geputzt in der Garage und hat keinen Kratzer abgekriegt, die zwei verchromten Auspuffrohre glänzen wieder und wirklich niemand, nicht einmal die Blaulichter, haben vom dem allem etwas mitgekriegt.