Where flowers flourish
Where flowers flourish
Es hat sich mittlerweile so eingespielt, im Juli wenn ich hier bin – und wann war ich das eigentlich schon nicht –, stelle ich das Auto vor dem Tierpark Dählhölzli auf einen der vielen freien Parkplätze und beginne meine Wanderung durch den Wald, dort wohnen eingepfercht in Gehegen auch ganz wilde Tiere.
Mein Ziel sind aber nicht die wilden Tiere. Ich will für zwei Tage den Gurten besteigen. Über vier Tage wird am Gurtenfestival feucht fröhlich gelacht, gelebt und Musik gehört und wer will das schon nicht?
Die Aare trennt die wilden Tiere vom Gurtenfestival, zum Glück gibts Brücken, den Schönauersteg. Diesen werde ich auch wieder benutzen, wenn ich meine Schlafstätte zu Hause aufsuchen werde. Es versteht sich von selbst, dass diese Wanderung und vorallem der Abstieg in aller Herrgottsfrühe nur wenig Bier verträgt. Damit werde ich keine Probleme haben, dass weiss ich schon jetzt, noch offen ist allerdings wann ich genau runter kommen werde. Ist das Fest dürftig kanns vor zwölf Uhr werden. Ist das Fest gut, werde ich in kürzester Zeit wieder den Sonnenaufgang geniessen. Es liegt schlussendlich bei mir.
Die Wetterprognosen waren schlecht und sie behielten recht. Während des Aufstieges am späteren Samstagnachmittag zeichnet sich allerdings ein Wetterumschwung ab. Die dichten und dunklen Wolken lassen etwas Blau zu, doch es könnte gut werden, finde ich.
Es ist noch nicht allzu lange her, da waren wir mindestens eine 10er Seilschaft, die hier mit Plastiksäcken, Regenschirmen und sonstigen Utensilien hochliefen, damit sich auf dem Gipfel einigermassen ein anständiges Biwak basteln liess. Im besten Fall im Militärschlafsack direkt neben der Mocambo-Bar. Die etwas strapaziösen Nächte blieben trotzdem in bester Erinnerung, damals wars nämlich noch verboten, das Zeltlen auf dem Gurten. Mittlerweile mache ich es mir etwas komfortabler, fahre zurück nach Hause ins schöne Bett. Ich mag die Schlangen sehr, aber diese vor der Gurten-Talstation ist mir definitiv zu lange – 45 Minuten Wartezeit… Pahhh… Da lauf ich schon lieber gemütlich die viereinhalb Kilometer vom Auto auf den Gurten in kürzerer Zeit. Schlecke genüsslich an meinem Apfel, wechsle mit anderen Bergsteigern ein paar Worte, doch auch diese bleiben heute kurz, ich habe wiedermal einen Affenzahn drauf.
Ich habe mich nicht verabredet, weil jedesmal bin ich wieder gespannt, welchen Leuten ich begegnen werde. Sicherlich treffe ich wieder bekannte Gesichter an oder laufe ihnen zumindest über den Weg. Manche tauchen nach Jahren Abstinenz wieder auf, meist wenn der Beziehungsstatus von «Es ist kompliziert», über «XY» nach «Single» gewechselt wird. Dann spuckt das Gurtenbähnli die bärtigen Jungs und die frisch rasierten Mädels inklusive Sonnenbrille wieder auf die Gurtenwiese.
Dieses Jahr scheint alles in Ordnung zu sein. Ich hoffe doch schwer, dass die Jungs um diese Zeit schlafen gehen und nicht etwa mit offenen Augen vom Gurten träumen. Heute bin ich also solo unterwegs, beim Thema Fremdgehen bekommen ein paar meiner Jungs sowieso die Krise, ich tue also gut daran mich ohne Kollegen am anderen Geschlecht zu vergnügen.
Der Grund warum ich nicht gerade alle vier Tage gebucht habe, lässt sich dadurch erklären, dass ich mich Monate zuvor, nach dem Angebot des Musikprogrammes gerichtet habe, die zwei letzten Tage sind es mir diesmal wert. Zwei-, dreimal die Runde auf dem Gelände gedreht, habe ich mir kurz den Überblick verschafft. Die ersten Bekannten getroffen, mich ausgetauscht und schon kommt der grosse Hunger. Sweet & Sour sind meine Favoriten, beim Anblick meines Tellers stelle ich fest, auch die Chinesen wissen mittlerweile wie man gute Geschäfte macht, dass finde ich nicht schlecht. Von diesem häufchen Essen werde ich aber noch lange nicht satt.
Spätestens nach den Oasis werden meine Beine etwas müde, die Sitzgelegenheiten sind nach den vorangehenden winterlichen Verhältnissen rar. Aber vis-à -vis der Hauptbühne steht emporgehoben ein grosses Zelt, an den trocken gebliebenen Geländern lehne ich mich an und vergnüge mich über die tausend Seelen, die hier auf dem Gelände herumspazieren, miteinander reden oder sich sonst zur Musik bewegen.
Ein junges Cowgirl fällt mir auf Grund des dazu passenden Hutes in mitten der Tanzfläche auf, sie führt ein männliches Wesen mit gleichem Strohut an der Hand. Nach unzähligen Drehungen setzt sie sich aber plötzlich neben mich. Ihr Tanzpartner steht jetzt etwas fragend vor ihr. «Sie sei sehr sehr anpassungsfähig, aber… aber diese Musik», die Emanzipation hat sich scheinbar durchgesetzt. Unser Gegenüber hat jetzt echt den Hundeblick drauf und ich sehs an seinen Pupillen, der wird heute nichts mehr zu Stande bringen. «Sie sei die Schlumpfine», stellt sie sich mir vor. In der Tat, eine Schlumpfine und sehr sehr viele Schlümpfe hat es hier.
Mit Schlümpfen lässt es sich vorzüglich spielen, dass weiss nicht nur ich, sondern das Wissen vorallem auch die weiblichen Wesen. Sie dirigiert jetzt ihre Jungs an die nächste Bar.
Bis zu meinem erwarteten Konzert dauerts jetzt noch 15 Minuten. Tricky kommt aus einem paar tausend Kaff in Südengland. Bristol, Brigthon waren so die Orte, wo ende der 90er für mich atemberaubende Musik unter dem Begriff Trip-Hop, weniger gespielt als mehr produziert wurde und vielleicht mehr Soundtrack als Musik war. Schwermütig, nachdenklich, kopflastig aber scharfsinnig. Für viele blieb es jedoch unergründlich wie ein tiefes dunkles schwarzes Meer. Massive Attack kannte ich, Tricky weniger. Massive Attack feat. Snoop Dogg – 100 suns vs Snoop Dogg «In Prison My Whole Life»
Ich bin natürlich nicht wegen den Schlümpfen in dieses Zelt empor gekommen und schon gar nicht fürs Warten. Beim Hundewetter ziehts auch die gleichaltrigen ausgewachsenen Katzen unter das trockene Dach. Mit langjähriger Erfahrung auf dem hohen Seil bin ich und mein Körper etwas feinfühliger geworden. Mein Kopf möchte demnächst in die vorderen Reihen der Hauptbühne, mein Bauch hat schon längst schönere Plätze entdeckt und ich weiss, dass ich es bald einmal mit Magenkrämpfen zu tun habe, wenn ich nicht auf ihn höre.
Vertauensvolle Blicke habe ich weniger bei den Schlümpfen gefunden und so kommt es halt, dass man irgendwann nebeneinander steht. Man tauscht miteinander ein paar Worte, aus Worten werden kleinere Gespräche und bald einmal steht man in einer kleinen netten Runde. «Ähhh… weisch muesch… muesch ufpasse… es isch gfährlech mit dene Zwöine» will mich das männliche Vis-à -vis warnen. Die beiden schönen blonden Wesen neben mir scheinen einen einschlägigen Ruf in ihrer Clique zu haben.
Eine der grössten Herausforderungen sind für mich immer wieder die Menschen zu verstehen, denn Gefahr sehe ich da bei weitem nicht. Aber ich mag mich noch an einen Lehrer erinnern, der uns vor langer Zeit in der Schule von einer Lorelei erzählte. Sorgen machten mir weniger die Klippen oder die Frau mit dem goldenen Haar, mehr Spuren hinterliess der wehmütige Gesichtsausdruck eines alten, sehr weisen Mannes. Naja, ich bin ein guter Schwimmer und er war es nicht. Ich frage mein Gegenüber trotzdem «isch es wägem Schiffbruch?» Ein leichtes Lächeln ist dem Mann nun doch zu entlocken, aber mir in die Augen schauen will er nicht.
«TITANIC!» schiesst es den beiden Frauen durch den Kopf. Kate Winslet zu vorderst auf dem grossen Schiff und dahinter der Mann mit dem starken Rückgrat. Die grosse Schwester will meinen Namen wissen. Ich gebe ihr Antwort, aber ich will nun den Namen der Frau zu meiner Linken.
«Ach, Michèle», hurtig werden die Haare hinters Ohr gesteckt, offenbar habe ich die Töne gut getroffen, schliesslich spiele ich viele verschiedene Tonarten. Woher sie denn so kommen, frage ich.
Sie seien heute Morgen zusammen aus dem Bett gestiegen, sagt sie und schaut ganz spöttisch unser männliches Gegenüber an. «Hesch d’Bettwösch hüt scho gwächslet?», der angebliche Freund – eigentlich der Bruder ihrer besten Freundin – hat leer geschluckt und meint nun ganz offenherzig, «i gseh das chuunt guet…».
Bin noch etwas überfordert, warum ich auf meine anständige Frage so komische Antworten erhalte, aber am kalten, versauten und dreckigen Gurtenboden kanns bestimmt nicht liegen.
Ursprünglich aus dem Innerberg, bekomme ich endlich von der grossen Schwester zur Antwort. Da kommt bei mir direkt Freude auf, weil dort oben an den Hängen des Frienisbergs habe ich viele Gleichgesinnte. Nicht die Kummerbuben, welche im Altersheim in ihren Höhlen am Pfropfen schmerzstillender Mittel hängen. Nein, es sind die einfachen Bauern, welche über Jahrzehnte, Tag für Tag ihre Felder gepflegt haben. Ihre Hände sind etwas Wund, aber mit ihren Gesichtern kann ich jeweils gut um die Wette strahlen. Sie gehen gemächlich an Stecken und ich sause ihnen mit meinen Zweirädern um die Ohren.
«Weisch sie chöme chly vom Land, aber mi gseht nes eigentlech nid a», meint der Freund über die Geschwister grinsend.
Ein leises «mmh… es isch chly kompliziert hiä» vermag ich in meinem linken Ohr zu hören, vertraute Blicke werden zwischen ihr und ihrem angeblichen Freund ausgetauscht, «du weisch ja… wemer de vierzgi si». Da scheint die grosse Schwester nicht im Bilde zu sein und möchte sofort Informationen. Ich zögere nicht lange, «Ah, du bisch dr Plan B».
Ja, der Freund steht ganz verantwortungsvoll dazu. Und stell dir die weiteren vierzig Jahre mit Plan B vor, sage ich zu meiner schönen Frau und da bleibt sie für ein paar lange Sekunden stumm. Weisst du, die zwei Geschwister teilen sich alles miteinander, den Freund teilt ihr wohl auch, meint der Plan B etwas vorwurfsvoll. Es gibt klar Grenzen, meint die Frau zu meiner Linken sehr grossartig, aber es folgt ein ganz pragmatisches und leises «es choschtet haut schüsch öppis». Wir zwei können jetzt breit den Mund verziehen.
Bei diesem runden Vergnügen hätte ich Tricky fast vergessen, das Konzert dürfte wahrscheinlich schon bald vorüber sein. Die letzte Viertelstunde möchte ich mir aber dennoch nicht entgehen lassen. Ich stelle den Mann auf der Hauptbühne als «Der Trick» vor, da werden die beiden blonden Wesen hellhörig, ich meine sowas könnte in der derzeitigen Situation hilfreich sein.
Tricky ist nichts für oberflächlich fröhliche Gesellschaften, ich werde die dunklen monumentalen Klänge wohl besser alleine geniessen können. Ich will mich also verabschieden, da meint der Freund wegen dem Nummern austauschen und so. Ich steh nicht auf Standard-OPS – ist mir zu langweilig, ich vertröste grosse Augen und lange Gesichter mit einem «Auf Wiedersehen».
Ich suche mir ein feines Plätzchen abseits der Menge, erlebe die Klänge in vollen Zügen und frage mich, für was in der Welt Menschen ihr wertes Geld so ausgeben. Heiraten und Alimente zahlen, machen mich auch nicht sonderlich an. Das Geld gebe ich lieber für schnelle Autos aus, da bin ich ehrlich. Kinder sehe ich hier oben ja noch genug.
Mein Boot trägt bereits seit geraumer Zeit meinen Namen – wie viele Schiffe sind es eigentlich sonst noch. Den Mutterschoss habe ich längst verlassen und wenn ich das Überangebot an Kummerbuben und Bluffsäcken begutachte, dürfte ich und die verstorbenen Titanic-Helden schon bald einmal ausserordentliche Preise auf dem Markt erzielen. Kummerbuben und Bluffsäcke tun gut daran, sich ordentliche Geldreserven anzulegen, denn nur so lassen sich ja schöne Frauen bei der Stange halten. Doch doch, für ein gutes Nachtesse hätte ich bezahlt, die würdige Dame hätte in meiner neuen Karosse auch eine gute Figur gemacht und ich bin ganz erstaunt, dass ich ihren Namen noch nicht vergessen habe.
Pendulum ist nun mein nächster Favorit auf dem Plan und es kommt noch besser. Dort wo die oberen Kader schon längst Feierabend haben, geht bei mir gegen zwei Uhr Morgens erst die Post ab. Ich habe soeben zwei der schönsten und kreativsten Pferde im Stall angetroffen, deren Namen mir bereits seit viel längerem als die vorangehenden in meinem Kopf geblieben sind. Gute Pferde wollen ordentlich gepflegt werden, sonst wechseln sie schnell einmal den Stall und dass tun gute Pferde noch früh genug und zwar noch vor dem Burnout. Ich bin besorgt darum, Streicheleinheiten und Pflege sind das eine, ich habe aber auch noch den einen oder anderen pädagogischen wertvollen Tipp für jegwelche Lebenslagen parat, dies ist eine meiner Stärken und von mir ausgesehen für eine kultivierte und fröhliche Gesellschaft unabdingbar. Nur damit es gerade klargestellt ist, ich habe es nirgendwo mehr, als hier auf dem Gurten studiert und gelernt.
Blümchen pflücken, ‹ringelreih› tanzen und die Gitarre schrummen, wie in den Anfangszeiten hier auf dem Gurten reichen heute scheinbar nicht mehr. Die wuchtigen und fetten Breakbeats haben es mir seit je und eh angetan. Damit diese mächtig und wuchtig bleiben, braucht es ordentlich Wattleistung und Verstärkung. Ich will mich nicht mit Generationenfragen beschäftigen, gebe nur zu bedenken, wir sind auch nur Erzeugnisse, Produkte und Abfall vorangehender Jahrgänge. Solange hier meterhohe, gigantische Lautsprecher und PA’s stehen dürfen, ist wohl alles im grünen Bereich.
In den guten alten Zeiten bin ich in diesem grossen Zelt mit ein paar Kollegen zu «We have taken the power and the land is ours» oder zu «Military buildup can be reversed. I made the run, let the bomb go. That was my greatest thrill» herumgehüpft. Zwischenzeitlich habe ich gelegentlich auch mal die Zeitungen gelesen, mir reicht es jetzt. Mein Kollege – mit dem ists gut Kirschen essen – weilt derzeit in West Amerika. Jetzt tanze und vergnüge ich mich halt mit den netten Frauen im grossen Zelt, was solls?
Kurz zum Geschäft. Der Erfolg ist kein Problen, dann wenn nämlich der «Chief on fire» ist und dafür sorgt, dass die Bude nicht zum Durchgangszentrum für heimatlose Asylsuchende verkommt. Es gibt auch noch andere welche sich mit solchen Wissenschaften beschäftigen, sie nennen es mit grausamen Worten Human Resource Management, erfunden von Wiederkäuern hochgelobter Literatur. Sie behandeln ihre Leute wie Zündhölzer, sind sie einmal ausgebrannt werfen sie sie einfach fort. Es gibt soviele Soldaten wie Zündhölzer im Land… «aues u huere Globis» – ich weiss nicht, ob ich mich von einigen Gesellschaften überhaupt noch erholen werde, ich geb mir alle Mühe, aber nur schon wenn ich daran denke, was Staat Monat für Monat bedingungslos für gewisse Denkfabriken an Salären ausbezahlt und ihren Jüngern nur das Allerheiligste versprechen, kann ich meine Agressivität nur schwer im Zaum halten, da helfen manchmal auch die unzähligen Bikekilometer nicht.
Etwas neidisch schaue ich auf die weiss-rosa VIP-Pässe, welche die Damen mit sich tragen. Sowas käme auch für mich gelegen, weil der Gurten wäre mir dann vier Tage wert. Die Dinger kriegt man nicht nur geschenkt, der ganze Anlass ist dann vorallem umsonst. Woher man die bekommt, frage ich. «Hat mir mein Freund gegeben». «Es ist gut, wenn man so ein Freund hat», finde ich. Bei so locker ausgesprochenen Worten meinerseits, seien angeblich wieder ein paar Biere fällig meint die gute rothaarige Frau. Da stehe ich gleich unter Druck, weil noch mehr Sumpf erträgt der Gurtenboden dieses Jahr sicher nicht. Aber ich habe es natürlich hingekriegt, statt Biere gekippt werden mit dem schönen Telefon wieder die Leute zusammen getrommelt.
Ich bin noch etwas im Hoch und viel zu schnell. Die Bremsen werden ausgefahren, sonst übertreffe ich dann den Schönauersteg bei weitem. Die Uhr zeigt vier in der früh, ich werde jetzt mal runtergehen. Seit rund etwa 20 Stunden stehe ich nun mehr oder weniger auf den Beinen, der dreissig minütige Lauf zurück in den Tierpark wird ab diesem Moment immer wieder zum magischen Spaziergang. Alleine bin ich leichten Fusses und so geht es eigentlich viel zu schnell. In Gedanken gehe ich nochmals alle Szenen durch, doch der Höhepunkt hat leider noch gefehlt. Auf dem Parkplatz des Tierparks Dählhölzli steht immer noch diese alte Kiste, aber nur noch ein paar wenige Tage trennen mich von meinem Ziel. And how I love her eyes.
Der schnelle Flitzer aus edler Manufaktur, ausgestattet mit dem aktuellsten Stand der Technik, man sieht ihnen die Rennsporterfahrung der vielfachen LeMans Sieger einfach an. Damit kann ich mich auch gut mal vor den noblen Glashütten in Zürich zeigen, die Bikes an einen schönen Ausgangspunkt transportieren, mit meinen flotten Jungs auf dem Land brätteln gehen oder lässt sich das Militärboot nach Thun hinauf bugsieren. Das Boot «Typ M8» paddeln und navigieren wir mindestens zehnmal sicherer über die Uttiger-Schwelle als die Schweizer Armee dieses über die Kander.
Diese Tage schauen alle zum Mond, ich laufe nach dem Schönauersteg neben der Aare die letzten paar Meter gegen den Strom. Ich bin einfach froh, dass das Teil dort oben ein wenig Licht abgibt, sonst sehe ich den Strassenrand ein wenig gar schlecht. Wandere durch den dunklen Wald des Tierparks Dälhölzli. Wünsche dem Fuchs und dem Hasen eine gute Nacht. Starte den Motor «9000 Miles» – und ich krieg irgendwie noch nicht genug.
Ein paar Stunden später stand ich natürlich wieder oben auf der Gurtenwiese, allerdings ein wenig spät. Zu lange habe ich mir den Sonntagmorgen zu Hause auf sonniger Terasse mit Erdbeerkonfitüre, feinem weichen Butterzopf versüsst und die Nespresso Tasse bis an den Rand mit Kaffe und Milch gefüllt. Auch auf der Gurtenwiese lässt man es Sonntags zu dieser Zeit nicht mehr krachen. Das Patent Ochsner dreht und spielt gemächlich ihre Platten. Alle Jahre wieder, dabei wird man nicht älter, man sieht es ihnen einfach nur an.
Leute hat es aber alleweil noch. Ein kurzer Schwatz mit guten Geschäftspartnern, über die neusten Entwicklungen und Geschäftsvorkommnisse haben ebenso Platz, wie Gespräche mit alten Schulkameraden, über «wer, wie, was» gerade so macht. Eine ehemalige Klassenkameradin läuft mir über den Weg, damals eigentlich eine Frohnatur. Heute brauche ich aber deutlich mehr, um bei ihr ein paar Worte zu entlocken. Sie scheint irgendwie verzweifelt, etwas verloren zu haben hier auf dem Gurten. Ich biete mich als «Postbote» an und würde es dann sonst weiterleiten.
Ein, zwei Konzerte will ich mir noch anhören, wenn ich schon diesen Hügel zum zweiten mal bestiegen habe. Die Sonne scheint prächtig, da ist es auch direkt vor der Hauptbühne gemütlich. Von weitem ist zu meiner Linken noch so eine «Bande» in Sicht. Es sind ehemalige mir bekannte Mitstreiter, die sehen mittlerweile tatsächlich fast so aus wie Rockstars. Sie stehen nicht auf der Hauptbühne, aber das Leben der Rockstars ist sowieso schon arg strapaziös genug – man sieht es ihnen an. Wo ist ihr Leader geblieben frage ich mich, dagegen habe ich ein leichtes Spiel, meine Truppe habe ich schon vor langer Zeit tip top verstaut und versorgt, als Männerchöre dürften die Verbliebenen in naher Zukunft wohl auch ein gutes Bild abgeben. Ich kann mich für solch haarige Angelegenheiten nicht mehr begeistern lassen, mein Bauch hat da bereits wieder viel besseres entdeckt.
Ja, da vorne rechts hat es zwei tip top herausgeputzte grosse Katzen und bei diesem sonnigen Wetter sind diese selbstverständlich leichter bekleidet als noch gestern. Ich stecke schon wieder in einem Dilemma, weil knapp zwei Meter Tiere werden in den vorderen Reihen nicht gerne gesehen. Schon gar nicht, wenn sie sich nach vorne drängen. Ein weibliches Wesen scheint meine Probleme scheinbar zu verstehen, sie zeigt mir mit einem Augenwink Verständnis und ebnet mir den Weg frei nach vorne.
Die zwei grossen Katzen mit ihren kleinen niedlichen Pfoten könnte ich sogleich auch vernaschen, aber das mache ich natürlich nicht. Nein, ich behalte mir die Spannung noch ein wenig aufrecht, dann haben nämlich die anderen auch noch was davon. Auch dem Fran Healy von den Travis im weissen Shirt und dem braunen Hut scheint es trotz «Why does it always rain on me» nicht schlecht zu gehen. Ich bleib jetzt noch ein bisschen, bis stehend Beine und Hüfte direkt vor meinen Augen wieder zusammengerollt werden müssen. Ich will einfach kein Murks – nicht einmal bei den schönen Nebensachen – ich steh auf Frohe Kinder Kommen.
Nach dem die Hauptbühne ihre Pegel gesenkt hat, wird vor mir wieder Lautstark diskutiert, wo welche Bar und Plätze noch angesteuert werden müssen. Auch ich schmiede mir ein paar Pläne.
Die Sonne steht weit weg vom Zenit, gut hängt sie aber noch über dem Horizont. Die Farbtemperatur hat sich ein wenig ins rötliche verwandelt und eine lauwarme Brise weht über den Hügel. Das feine marinierte Spiessli, welches ich noch vor dem Festival gekauft habe und zu Hause im Kühlschrank liegt, bleibt irgendwie unvergesslich. Ein guter Zeitpunkt den gemütlichen Abstieg zu beginnen und daheim die Kohle einzuheizen. Im Feuer machen bin ich nämlich auch gut.
Diese Tage bewirtschafte ich das Einfamilienhaus alleine. Arbeiten, waschen, aufräumen, kochen und ich könnte noch Freude daran bekommen. Allerdings spiele ich mit dem Gedanken mir eine kleinere nette Wohnung irgendwo auf meinem Lieblingsberg zu mieten, ich alleine brauche längst nicht so viel Platz.
Das mit einer Frau, ich weiss nicht. Es ist schwierig, wenn man sich nicht entscheiden kann – vorallem wenn es keine guten Gründe dazu gibt. Oder wie war das jetzt mit den Zündhölzern? Zuerst sind sie rot, dann werden sie gelb und irgendwann qualmen sie nur noch. Ich glaube, ich geniesse mein feines Spiessli besser alleine, «süsch hani de grad chly es grosses Puff».
Das mit Holzkohle gebratene Fleisch schmeckt wunderbar, alleine in der Abendsonne erst recht. Ein kurzer Rundgang durch den Garten sollte ich nicht vergessen, nur die ansonsten nett grüssenden Nachbarinnen scheinen da gar nicht Freude zu haben. Offenbar ist jetzt auch bei den viel älteren blondierten Semestern «fertig mit luschtig». Aber aber, meine «kleine» Schwester hat bestimmt nicht Freude, wenn ich die Blumen im Garten nicht begossen habe, während sie in den Ferien weilt.