War Stories
War Stories
Festivals sind was tolles, noch schöner wenn man sich auf etwas freuen kann. Früher habe ich mich immer auf die Band XY gefreut, endlich würden nun meine Helden vor meinen Augen stehen.
Entweder ist heutzutage das Festivalprogramm so schlecht oder meine Helden sind ganz einfach alle ausgestorben, es ist schwierig geworden mich so auf eine Band XY zu freuen. Letzten Dienstag hatte ich wiedereinmal Gelegenheit dazu.
Mehrheitlich lagen in der letzten Zeit Scheiben von den Unkle’s auf dem CD Deck. Umso schöner wird die Sache, wenn sogleich auch noch ein neues Album kurz vor der Veröffentlichung steht. Meist werden dazu auch noch ein paar Live Konzerte geliefert. Etwas überrascht war ich dann allerdings schon, als ich einen der wenigen Unkle Auftritte im diesjährigen Programm des Montreux Jazzfestivals fand. Ja ist sich den der Herr Nobs sicher auf wen er sich da einlässt? Mir kanns recht sein. Der Superlativ wäre für mich gewesen, wenn am gleichen Abend im Vorprogramm Herbie Hancock gespielt hätte und die Beastie Boys ihren Auftritt mit ihrem “Gala” Abend von der Miles Davis Hall ins Auditorium Stravinski verlegt hätten. Aber dies hätte vielleicht das Crossover Gehör eines so manchen überstiegen. Es spazierten erstaunlich viele ‘Beastie Boys’ in gelben Roben dem Seeufer entlang, ich war mir plötzlich unsicher, ob ich meine Karten aufs richtige Pferd Konzert gesetzt hatte. Auch Ueli war so unterwegs und trug wie vermutet einen grünen Bändel an seiner rechten Hand. Zu seiner linken lief scheinbar sein Manager. Tja, ich war alleine unterwegs, meine Führer, Chefs etc. sind halt alle ausgestorben oder irren nun irgendwo in der Wüste umher, ich weiss es nicht.
Das die Beastie Boys nicht nur mit Streifenhörnchen und Chäppi durch New Yorks Strassen ziehen können, sondern begnadete Musiker sind und wohl zu den kreativsten Köpfen der Musikbranche überhaupt gehören, und dies notabene mit grauen Haaren, haben sie mir schon bei zwei Liveshows gezeigt. Ich wollte jetzt aber was neues sehen und fand, dass die Unkle’s mir an diesem Abend doch den besseren Soundtrack zu liefern hätten und mein weisser Bändel fand ich sowieso viel schöner.
Bevor es jetzt los ging war ja noch zuerst das Vorprogramm, anstatt Herbie Hancock kam Idrissa Diop, mir eigentlich unbekannt. Aber etwas Montreux Jazzfestival taugliches typisches war mir wohl bekommen, so konnte ich schon mal meinen “Sweet Spot” ausfindig machen. Auf der Stage türmten sich nach dem Vorspiel die Marshalltürme friedlich neben den noblen silbernen Powerbooks, vorne wurde es langsam eng und da hatte so ein Jüngling es tatsächlich geschafft eine ältere Dame nach vorne zu schleppen. Diese war für mich insofern ein Problem, dass sie mir den Weg zu meinem “Sweet Spot” versperrte. Mein Gespür für Soziales hat mir gesagt, dass es sich um seine Mutter handeln dürfte (oder war’s die zukünftige Schwiegermutter), mit Abstand im Schlepptau war da noch die junge weibliche Begleitung, die endlos auf ihrem Natel herumdrückte. Wobei ich mich fragte, ob diese Dinger überhaupt noch zum Telefonieren gebraucht werden oder diese mittlerweile nur noch als Showelement dienen. Kann ich durchaus verstehen, trotzen hilft da aber nichts, ich machte mir mehr Sorgen um die ältere Dame, weil hier in den nächsten Stunden die Hölle los sein wird.
Gewisse Ladungen war in der Sphäre zu verspüren und da hob die ganze Sache auch schnell einmal ab. Chemistry Feat. Josh Homme war die hohe Welle, die von weitem zu sehen war und die gewaltig und mit Druck einbrach. Ich mochte mir nun aber keine Sorgen mehr machen und gab dies auch meiner Nachbarin zu verstehen, eben diese oben genannte weibliche Begleitung. Die Tochter Schwiegertochter bekam langsam Angst und war in Sorge und fand dann eben doch den Weg zur Mutter Schwiegermutter und brachte die beiden vorsorglich weg. Mein Problem hatte sich also gelöst und der Weg zum “Sweet Spot” war frei.
Wem es bei Mezzaine von Massive Attack zu wenig rockte, wer bei Radiohead vor lauter Melancholie Angst kriegt und wem bei The Queen of the Stone Age die Dramatik fehlt, der findet an den Unkle’s gefallen, so würde ich jedenfalls mal ihren Musikstil definieren.
Die beiden Modis vor mir wurden langsam laut und beschwerten sich “es isch hiä z’heiss, bruchsch es Jäggli?”. Uff, ist ja eigentlich ganz nett, dass ihr mich ständig daran erinnert, tatsächlich schleipfe ich so ein Ding öppa mit mir herum, aber irgendwie ist mein Jäggli irgendwo zwischen Keys to the Kingdom und Price you Pay zu Boden gestürzt. Diä Modis hatten dann das Gefühl sie müssten jetzt auch noch ihre Küchen hervornehmen. Es war die Rede von Lachsfilet und Thonsalaten, ja und jetzt mich auch noch Hungrig machen oder was. “Ziggis?”, “Ouh nei” gebt mir lieber mal ein bisschen Wasser, Modis.
Es tauchten und drängten sich dann immer wie mehr “Faithless” Typen mit so weissen Oberteilen dazwischen, womit sich auch sogleich der nächste Act ankündigte. Ich mag ja weisse Spinnen, aber diese geschleckten mit Kokos duftenden stinkenden Haaren waren mir jetzt definitiv zu viel. Gut, ich gebe es zu und oute mich jetzt mal. Faithless ist mir ein Begriff, dass war damals als ich mit meinem geliebten dem Malaguti Belmondo Fifty (ein Italo der Sonderklasse) herum gekurvt bin. Nächtelang “I can’t get no sleep”. Jetzt nochmals alles von vorne?
Darum mich schnell vergewissern, dass die beiden netten Modis Sichtkontakt mit ihrem Chauffeur halten können, damit sie fürs erste zumindest physikalisch den Heimweg finden. Checked, mission complete here. Jetzt mich mit meinem Jäggli möglichst unaufällig davon schleichen, noch bevor mir das ganze Auditorium um die Ohren fliegt und die Massen fluchtartig alle Löcher und Strassen von Montreux verstopfen. Draussen den Colt laden (kleines Kaliber) und den Pferdchen die Sporen geben. Die nächste Stadt wartet auf mich. No roots, no way.