Still sitzen

Still sitzen

Es hat mich erwischt. Die Höhenflüge und Hochs vergangener Werktage und Wochenenden haben mich dazu verleitet, das etwas grössere Hindernis ins Visier zu nehmen. Innert Sekunden habe ich mich entschieden, mit dem Zweirad kurz vor dem Twannberg den gröberen Stein zu überfliegen, anstatt daneben über kleinere Wurzeln zu rollen. Der Geist ist in guter Kondition, meine körperlichen Reserven habe ich aber schon längst im endlos langen Aufstieg kurz nach Biel verpufft – wir nennen ihn auch «Psycho». Die Energien reichen nicht das Zweirad ordnungsgemäss aufzuziehen, mein Hinterrad verfängt sich bei voller Fahrt am besagten Hindernis, auch üppig vorhandener Federweg vermag meinen Fahrfehler nicht zu korrigieren, ich werde aus dem Sattel in ordentliche Höhe geworfen. So finde ich seit längeren wiedereinmal den Weg auf den harten Boden, ein paar Meter hinter dem grossen Stein. Mein Zweirad vollzieht noch ein paar Saltis mehr und findet dutzende Meter vor mir seine Ruhe. Immerhin, wenigstens Steine und Wurzeln bringen mich wieder auf den Boden.

Ich stehe kurzum wiederauf, der erste Moment gilt dem erfolglosen Ringen um Atemluft, der Schock sitzt noch ein wenig Tief. Endorphine verrichten aber sehr schnell ihre Arbeit und bringen mich in einen durchaus angenehmen Zustand. Mein Sorge gilt schnell einmal meinem weissen Zweirad mit dem schwarzen Schriftzug «Opium 7». Alles ganz, Gott sei Dank.

Irgendwann sind auch die Kratzer am eigenen Leib gezählt, drei vier blutige Flecken, die alte Tapete ist jetzt halt futsch. Nichts schlimmes, ein zwei Tage werde ich mich stillhalten müssen (schwierig…), bis das Blut gerinnt und die offene Wunde verheilt ist. Spätestens dann bin ich wieder in alter Form und sicherlich ausgeflogen.

Der Sonntag ist nun halt mit still sitzen verplant, eine Gelegenheit mich um mein persönliches «Tagebuch» zu kümmern. Gedankenfetzen vergangener Tage und Wochen zusammen bringen, sie einzuordnen und möglichst kunstvoll in Form von Buchstaben und Wörtern in Reih und Glied aneinanderhängen. Tagebücher liegen in der Regel verschlossen unter Bettkissen, ich tue mich etwas schwer mit meiner Handschrift, das Verfassen von Texten in meinem Blog fällt mir einfacher. Die Umstände, dass die heutigen Schreibmaschinen miteinander bis in die entlegensten Gegenden der Welt verkabelt sind macht im Prinzip meine Buchstaben für alle zugänglich, mir ists egal. Das Tagebuch ermöglicht mir Rückschau auf die vergangene Zeit zu halten. Ich mache es primär für mich, damit ich nicht so schnell vergesse und die Zeit nicht wie im Fluge vergeht.

So finde ich mich komfortabel am Boden auf weichem Sessel im Garten wieder. Die Hochs sind vorerst Vergangenheit – zum Glück. Nicht, dass ich eine Liebschaft gewonnen hätte. Es hat mehr mit der Freude an meinen eigenen geistigen und körperlichen Fertigkeiten zu tun, bin stolz auf die Leistungen vergangenen Tage und Wochen, welche durchaus auch sportlich waren. Geistige Leistungen lassen sich nur schwer messen, sind sehr individuell und lassen sich kaum vergleichen, stehen aber bestimmt auch im Zusammenhang mit der körperlichen Verfassung. Aber auch beim Vergleich von sportlichen Messdaten tue ich mich schwer, man denke an die Sportler welche ständig einen schweren Rucksack herumtragen müssen, welcher gefüllt ist mit jegwelcher Belastungen auch immer. Sei es ein empfindsames Sensorium gegenüber Mitmenschen und dessen Verantwortung für ihr Wohlergehen.

Man findet sie überall, so auch in einfacheren Wohnblöcken der Arbeiterklasse. In einem der ersten autonomen Jugendzentren der Schweiz. Oder auch frühmorgens auf der linken Fahrspur der A1, dort wo sich Fahrzeuge mehrheitlich dreier deutschen Autobauer gegenseitig vor sich hinschieben. Das musste jetzt so gesagt werden, weil sonst müsste ich mich vom Kreise der oben erwähnten Sportler ausschliessen.

posted by chrigu  |  on 25. April 2010
in Personal Stuff   |  
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