Mit Sven unterwegs

Mit Sven unterwegs

imageDer Sven Hedin ist schon fast so alt wie ich, seine 6 Bolören röhren immer noch so schön tief, der Ton eines VW LTs finde ich immer noch ein bisschen schöner als das Rattern und Knattern eines in die Jahre gekommenen T4. Doch auch Svens Tage werden bald gezählt sein, mit 26 Jahren ist ein Fahrzeug definitiv Oldtimer und ein Menschenleben mit 27 hat jetzt halt noch nichts mit Oldtimer zu tun. So ist geplant, ein paar Tage mit Sven, Kollegen und Bikes zu verbringen.

Als ich noch ein kleiner Bengel war und ich es satt hatte mit den Eltern immer nur ins Tessin nach Swiss Miniatur zu fahren, stürmte ich unweigerlich: «Ich will mit Onkels Camper ins Legoland nach Dänemark fahren». Das gute «Leg godt» ist noch bis heute teil meiner Lebensphilosophie. Vaters Angst, die sicheren Grenzen in den Norden zu überschreiten, konnten schlussendlich überwunden werden. Mittlerweile steht eben dieses Fahrzeug vor der Haustüre, die Eltern sind jedes Jahr wochenlang damit in den Nordländer unterwegs, der Sven wird ständig geputzt und poliert, dagegen steht Vaters einst mit stolz erbautes Einfamilienhaus ziemlich ungepflegt daneben. Resli bastelt ständig am Orginal Westfalia Innenausbau, was ich manchmal mit Sorgen begutachte, Schullehrer und handwerkliches Geschick sind halt zweierlei Dinge.

Jetzt bin ich aber wieder einmal dran, schliesslich habe ich die Bodenplatten vom Gartensitzplatz vor dem versaufen gerettet, mit Hilfe der Schwester und neuem Kies alles gerade gebügelt. Den Sven pilotiere ich schon längst selbstständig über die Pisten. Reslis GPS-Navigationssystem habe ich eingepackt und mein Sportsfreund Jürgu hat die Schweizerkarten von Papa in der Hand. Jürgu meint das Kästli sei Spielzeug – die CIA wüsste dann wo wir sind… das KGB sucht übrigens auch schon –, womit wir uns per Karte zu unserem ersten Ziel, das Bergün im Engadin navigieren. Irgendwo nach Chur halte ich dann auch schon das erste mal an. Während Jürgu seine Karten dreht und wendet, spiele ich kurz mit dem Navigerät und staunend lassen wir uns dann per GPS aus der Situation Richtung Bergün lotsen. Ich brettere so mit X-irgendwas Stundenkilometer die Haarnadelkurven den Berg hinunter. Das gut drei Meter Hohe und dreieinhalb Tonnen schwere Gefährt, lässt sich trotz Schwerfälligkeit – 1981 gabs scheinbar noch keine Servolenkung – mit Kurvenschneiden – dafür sind ja die gestrichelten Linien da – recht flott über die engen Kurven lenken. Gerade hier meldet die Dame aus dem Gerät «Bitte wenden», da sage ich einfach nur fresse halten! Sonst finden wir und das Navigerät zuverlässig wie immer den Weg, in das abgelegene schöne Bergün.

Der kleine Campingplatz hat alles was wir brauchen, frisches kaltes Bergwasser um unsere Salzsteine vom Gesicht zu waschen, manchmal bleibt auch etwas warmes Wasser vom kleinen Boiler übrig. Alle Spielsachen haben wir dabei, Bikes, iPods, Tourenguide und die Longboards, da die wirklich kleine Strasse vom Albulapass einen sauberen glatten Belag hat, lässt es sich prima auf den Longboards vom Campingplatz bis ins Dorf rollen surfen. Dort werden wir am nächsten Tag auch noch Mätthu vom Bahnhof abholen. Zuerst freuen wir uns aber auf die aufwärm Tour, die uns von Bergün – Stugl – Runsolas über Filisur zum Viadukt Wiesen und dann zurück über Wiesen – Filisur nach Bergün führt.

imageDie Single- und Wurzeltrails in dieser Gegend sind O-Ton von «sauubäär» bis «ober hammer geil». Der Trail gezeichnet wie-mit-dem-Pinsel-durch-die-Landschaft.

Nach einer kühlen Nacht, nehmen wir am Morgen vorsorglich viel Müesli, Brot mit Anke und Konfi zu uns. Die bevorstehende Tour wird gut doppelte so hoch und lang wie die vorangehende. Von Bergün – Runsolas – Alp da Stugl gehts zum Ducanfurgga.

imageAuf knapp 2700 Höhenmeter wird die Luft weniger, vorallem wenn ich in den kleineren Gängen den Berg hinaufspule. Mätthu ist schon auf dem Gipfel, ich stehe kurz davor und mein Herz schlägt wie wild, was mich motiviert nochmals kräftig in die Pedale zu treten. Auch mal eine Gelegenheit den maximal Puls zu ermitteln, 197 Schläge pro Minute in diesem Streckenabschnitt meint meine MacGyverUhr. Das beruhigt mich, weil die Regel besagt 220 minus das Alter ergäbe den maximal Puls eines durchschnittlichen Menschenlebens. Ich gehöre also noch zu den «Jüngeren».

imageKletterschuhe haben wir nicht, dafür haben wir schnelldrehende Räder, dessen Fliehkräfte uns in aufrechter Position halten.

imageDas Grinsen ist uns noch nicht abhanden gekommen, wir haben ja auch gute Gründe dazu.

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imageDas Fahrwerk mit Federweg bis zum Anschlag ausgefahren, damit es sich lässig über Stock und Stein segeln lässt. Mein Genius nimmt auch bei gröberem Gestein schnell fahrt auf und schlängelt sich wie gewünscht die Trails hinunter. Momente und Augenblicke, die mir ein breites Strahlen ins Gesicht zaubern.

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Kaum sind wir über dem Berg jagen wir uns wieder über die Trails, hinunter nach Sertig Dörfli.

imageAuch Mätthu kriegt sauber die Kurven.

Rund die Hälfte unserer Königstour haben wir hinter uns, nun kommen noch 35 Km Singtrails, die sind allerdings anstrengend wie sich herausstellt, weil es ständig 10 Meter steil bergauf und dann wieder bergab geht. Dazu kommen Hindernisse wie mehr oder weniger breite Pilger Slalomstangen, gröbere Wurzeln und wacklige Wanderbrücken. Spass macht es, wenn man mehrere Hindernisse auf dem Bike balancierend übersteigt, was mit einem yeeaahhh bestätigt wird. Gedemütigt ist, wer zum absteigen gezwungen wird, aber wir sind ja sportlich.

imageLangsam wirds Feierabend, die Brücke ist in Sicht. Jetzt nur noch nach Filisur und zurück zum Sven nach Bergün.

Die beiden Hardtail-Racer meinten die hohen Schwierigkeitsgrade in Fahrtechnik und Ausdauer seien gemäss Tourenguide zwar gerechtfertigt, aber die Fahrzeit von sieben Stunden…, wir hatten rund achteinhalb – der hat bestimmt bschisse. Ich bin jedenfalls soweit mit unserem Tourenguide einig, Zitat:

Knallhart im Aufstieg, vergnüglich in der Abfahrt. Die Tour der Superlative bietet alles.

Noch heute Abend wollen wir ins nahegelegene Savonign zügeln, dort möchten wir am nächsten Tag nochmal eine Tour fahren, wobei wir uns natürlich zuerst einmal ein verdientes Znacht gönnen wollen. Rahmschnitzel mit Nudeln und der grosse Salat schmecken nach einer längeren Biketour einfach am Besten. In Savonign wird bereits mit dem Feuer gespielt, viele Schwizzerfähndlis haben sie an ihre Chalets gehänkt, Jürgu meint das Ouguschtfüür müssten wir sehen, während meine Blicke und Aufmerksamkeit mehr auf diesen Betonklotz – beleuchtet wie ein UFO – gerichtet ist. Ich mache jetzt aber noch brav mit, tolerant wie immer ziehe ich durch die Partymeile Holzbankmeile und mache diesen Dorffest-Groove mit, bei dieser Happy-Sound-Alleinunterhalter-Combo ist aber die Schmerzgrenze meines empfindlichen Musikgehörs erreicht. Da das Knallen Böllern nur noch in Erinnerung an Früher im Gehör meiner Kollegen schön tönt, ist es ein leichtes zusammen diesen Cube anzusteuern. Keine Ahnung was uns in diesem Betonklotz erwartet, obwohl ich meine, bereits einmal in einem Alpine Hotel Lifestyle Guide etwas darüber erfahren zu haben.

Von weitem sehe ich im innern zwei grosse Videoleinwande, ich glaube einen bekannteren Bikefilm zu erkennen. Mit dem Gewissen, dass wir hier nicht falsch liegen und uns wohl als Zielgruppe dieses Cubes sehen dürfen, treten wir in die Hallen ein. Diese Unterkunft punktet schon von Anfang an, denn in welchem Hotel kann man schon direkt per Rampe ins Hotelzimmer im vierten Stock biken, dann dort im eigenen gläsernen Showroom vor dem Zimmer parkieren und sein VIP präsentieren. Nicht nur wir sind angesprochen, die Sportkletterwände reichen von den Playstation-Spielhallen quer durch die Lounge zu den ersten Hotelzimmer.

imageWir geraten schon bald ins schwärmen, alle bekannten Biker, Freerider und Kletterer könnten wir das nächste mal auch noch mitnehmen. Und man könnte dies und das, und und und. Wir sitzen auf den weichen Sesseln, Jürgu geniesst seinen Latte Macchiato, während Mätthu und ich unseren Durst mit einem grossen Panaché löschen. Derweil trifft mich eine gewisse Müdigkeit und vielleicht auch Ohnmächtigkeit beim Betrachten unserer Möglichkeiten und nicht zuletzt hatten wir ja einen langen Tag. Die Uhrzeiger stehen auf Fünf vor Zwölf, ich finde es ist Zeit zum Sven zurück zukehren.

Schnell schlafe ich ein, aber am nächsten Morgen plagen mich Magenkrämpfe. Noch denke ich an unsere Tour, aber je mehr ich mich darauf freuen will, desto mehr meldet sich mein Magen, bis ich schlussendlich nur noch Kapazität übrig habe, den nächsten Wasserhahn zu suchen. Ich gebe auf und wünsche meinen Kollegen eine schöne Tour, während ich mich zum Badesee begebe. Wiedereinmal sitze ich unter einem Baum, höre Musik und esse meinen Apfel. Ich schaue den Kids zu, wie sie die kleine Holzfähre zwischen den beiden Ufern hin- und herschieben. Ich freue mich über die vergangenen schönen Tage. Die Magenkrämpfe lösen sich langsam, Tomorrow – mein lieber Freund, der kleine iPod.

posted by chrigu  |  on 16. August 2007
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Picture of Matthias Blum

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Sehr gelungener, präziser und zutreffender Beitrag von Chrigu.
Ich kann die Touren rund um Bergün nur empfehlen.
Achtung: Im Albulatal herscht meistens ein fröstelnder Wind, vor allem abends und morgens, wenn die Sonnenstrahlen sich noch hinter den steilen Bergflanken verstecken. Das Albulatal gilt nicht grundlos als rauhes Bergtal. Zum Glück hatten wir Sven Hedin...smile.

Ride on
Mätthu

posted on 17. August 2007

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