Mind the gap!

Mind the gap!

«Travel is a means to an end. Home.», lese ich auf der Rückseite meines Planes, welcher mir einen Überblick über die Londoner Tubes verschafft. Die Bahn fährt über holprige Geleise, kurz nach Upminster sind die kleinen und runden Wagen noch weitgehenst leer. Was «Home» ist wird mir in ein paar Zeilen weiter unten erklärt. IKEA, so die Antwort eines schwedischen Möbelherstellers.

Gewiss lässt es sich damit zu Hause gemütlich machen. Zufrieden mit dieser Antwort bin ich halt noch nicht. «Home» wird sicher nicht nur aus billigen Stoffen und Hölzern bestehen. Viele Reisen kann man antreten und die Mittel dazu sind ebenso vielfältig. Ausnahmsweise bin ich mit dem Auto unterwegs und bin in den äusseren Vorort von London gekommen, etwas später möchte ich dann per Schuhe durch die schottischen Highlands wandern. Im Kopf kann man aber auch spannende Reisen unternehmen, zu Hause im Garten mache ich das jeweils am Liebsten.

Sich wohl fühlen, ein für mich mittlerweile wichtiger Begriff. Wo man zu Hause ist tut man das in der Regel auch. Wäre es jetzt aber nicht von Vorteil, wenn man überall zu Hause sein könnte? Weil dann erübrigt sich sogleich auch die Frage, wann und wo das oben zitierte Ende erreicht ist. Kompliziert meine Gedankengänge zu verstehen, meine kurze Reise bis nach Upminster vielleicht etwas einfacher.

In den engandiner Bergen wäre jetzt wieder das Klettern mit zwei breiten Rädern angesagt. Ein guter körperlicher Ausgleich zu meiner zeitweiligen kopflastigen Kletterei, welche gar nicht mal so schlecht gelungen ist. Klettern ist nämlich recht anstrengend und ich möchte halt zur Abwechslung wiedereinmal ein bisschen Meer sehen. So überlasse ich doch das Berge besteigen gerne mal anderen.

Am Samstagabend die eint oder andere Bekanntschaft in der Grossen Halle zu K&D gepflegt, die Nacht zum Tag gemacht, damit ich am Sonntag halb gelähmt nochmals Kraft holen kann, wenn ich Montags um drei Uhr in der Früh wieder hellwach Richtung Ärmelkanal fahren will. Etwas sportlich mein Zeitfenster, das Schiff will mich um zwölf Uhr Mittags im Hafen haben, wenn es um ein Uhr nach Dover fahren will. Mein Plan geht auf, ich ziehe bis auf den obligaten Tankstopp durch, ohne meine Limiten und die der anderen überschritten zu haben. Um 12:02 schnuppere ich seit längerem wiedereinmal versalzene Meeresluft. Es tut gut, ich kann mich entspannen und freue mich auf die kommenden Tage mit anderen Düften und neuen Kulissen.

Mit meinen neuen 200 Pferden werde ich im Vereinigten Königreich umherziehen. Ich kann derzeit nicht genug von ihnen kriegen, schon nur die Einstiegsleiste aus Aluminium eine Zierde, auf welcher doch ein silbriges S auf roter Flagge glänzt. Wie ein Brett schwebt das Ding über dem Boden, in den Kurven läufts wie auf Schienen. Bei ein- zweitausend Umdrehungen lässt es sich mit diesem Motor in allen sechs Gängen fahren, mit zweieinhalbtausend schnurrt die Katze ganz gemütlich und ab viertausend fängt sie tierisch zu fauchen an. Macht sie nur, wenn sie böse ist und kommt bei mir natürlich nur ganz selten vor.

Matthew Scott der Parkwächter von NPC in Upminster wird in den kommenden Tagen ein Auge auf sie werfen, er hat mir für 15 Pfund ein wirklich gutes Angebot gemacht. Stelle meine vier Ringe neben Stern und andere Genossen. Wünsche meiner kohlenrabenschwarzen Staatskarosse alles Gute, nehme meinen schweren Rucksack aus dem Kofferaum und bewege mich ab hier in einer ganz anderen Klasse. Als Backpacker werde ich London erkunden, mein nächtliches Dach liegt in Camden Town. Ein Youthhostel, dass mich pro Tag und Nacht etwa so viel kostet, wie mein allmorgendlicher Cappuccino Grande mit Hefegebäck im nächstgelegenen Starbuckskaffe.

Die Betten in meiner temporären Unterkunft natürlich längst nicht so komfortabel wie meine breiten Sportledersessel, die Wände nicht ganz so schön schwarz wie mein Dachhimmel und die Waschbecken nicht so perfekt wie meine Dekoreinlagen aus gebürstetem Aluminium, dafür ist es hier aber umso geselliger.
Ein Sizilianer schläft und lebt ein Bett weiter unter mir, er ist Marketingfachmann und versucht es in London mit der klassischen Tellerwaschkarriere. Der Gesprächigste in diesem Sechserschlag, wenn er nicht gerade von Frauchen per Skype gerufen wird, dann lässt er jeweils alles wieder fallen. Er weiss sonst viel über die unterbezahlten Jobs zu berichten.
Eine jüngere Frau aus Tokyo ist mit ihrem Lonely Planet Reiseführer unterwegs, bemüht sich stehts vor dem Spiegel nett auszusehen. Die beiden anderen Kollegen lerne ich gar nicht so richtig kennen, sie arbeiten Nachts in einer Bar und sind tagsüber natürlich schlecht zu sprechen. Gegen Ende meines viertägigen Aufenthaltes gesellt sich zu meiner Freude noch eine Zürcherin dazu, mein Englisch längst nicht mehr so «fluently» wie ich es gedacht habe.
Alles nette Leute, man nimmt aufeinander Rücksicht und ich habe weit besser geschlafen als es sich befürchten lässt. Der morgendliche Gang zur Toilette ist auch nicht ohne, erstreckt sich unter Umständen über mehrere Etagen. In der zweiten treffe ich eine andere Kollegin, sie schnurrt auch nicht schlecht, alle Türen sind offenbar geschlossen, bemerke ich. «There’s one in the womans shower, but you could get in». Ich bin ein anständiger Junge, dass weiss ich und werde eine Etage weiter oben fündig. Tönt alles andere als Ferien, aber es ist das was ich gesucht habe. Ich bin noch jung und möchte in meiner Jugend schliesslich auf nichts verzichten.

Manche Bekanntschaften sind noch nicht so frisch, handeln von einer Geschichte, dessen Reise nun schon viel länger andauert. Personen haben sich in meinem Kopf eingeschlossen. Jahre ist es her und trotzdem haben sie sich in meinen Gedankengängen festgebrannt, als wäre es erst Gestern gewesen. Einer kam mir damals wie gerufen, ich wäre damals verloren gewesen ohne ihn. Er zauberte zu Randzeiten in einem Nebenfach einer Schule, die ich jetzt kaum nennenswert fände. Er referierte und dozierte zum Thema Marketing und Kommunikation, wobei mich letzteres noch eher interessierte als ersteres. Seine Trophäen als Werber noch weniger interessant als vielleicht seine Ursprünge als Lithografen. Er wusste einfach über Dinge bescheid, die man in keinen Büchern fand, über Dinge die ich zu ertasten versuchte.

Die Haare auf seinem Kopf ergraut, die schwedischen Karossen für die er arbeiten durfte auch nicht mehr die neusten, darum fand man ihn hier wohl auf dem Abstellgleis. Die eine Stunde pro Woche begannen relativ locker, wir spielten Spiele wie zum Beispiel die Blindekuh. Wir hatten Spass und er hatte uns dabei aufs genauste beobachtet. Schnell einmal wusste er wo jeder stand, wo wir hin mussten und wo entsprechend unsere Bedürfnisse lagen. Dazu entwickelte er die passenden Produkte und wusste sie sogleich schön zu verpacken. Eine trügerische Sache, welche in der Branche der Verkaufsförderung einen hohen Stellenwert besitzt. Er war allerdings ein netter, die Demut und der Lernwille eine Voraussetzung um in diesem Unterricht zu bestehen, wusste er doch aufs vergnüglichste Personen zu entblössen und regelrecht auszuziehen. Ausnahmsweise hatte ich es in diesen Schulstunden mal nicht mit Demut zu tun.

An eine Stunde mag ich mich noch gut erinnern, sassen wir zu dritt in einer Reihe. Nicht dass wir die französische Nationalflagge hätten aufführen wollen, mir ists auch etwas später aufgefallen. Ein Schulkollege links neben mir, trug dieses blau gestrickte Teil über dem dunklen schwarzen Hemd. Meine Kollegin in etwa dasselbe Oberteil in rot und ich füllte diese Lücke mit meinem hellbeigen Pullover über einem meiner mittlerweile dutzendfach vorhandenen weissen H&M T-Shirts. Er verteilte unsere Arbeitsblätter, warf diese meiner Kollegin etwas verfegt auf den Tisch und legte sie meinem Kollegen fein säuberlich vor. Der gute Mann starrte mich an, auf dass dazwischen viel Spannung entstehen möge, bemerkte er. Dreissig Sekunden war ihm diese Performance wert und dann widmete er sich wieder seinem Theater. Bei seinem Tempo konnte ich nicht mithalten, aber immerhin hatte ich es verstanden. Eine vielversprechende Ausgangslage für einen 21-jährigen jungen Mann, von den mir bevorstehenden Herausforderungen ich jedoch noch keine Ahnung hatte. Etwas schüchtern gab ich Antworten auf Fragen, die man so nicht gestellt bekommt, dessen Antworten man in keinen Lehrbüchern fand. Ich soll doch nicht so zögerlich sein, meinte er. Ich sei ja nun derjenige der auf die Pauke hauen darf. Diese Rolle gefiel mir damals nicht, mein unwohl sein erkannte er an meinem Gesicht, er hatte dafür nur ein Grinsen übrig, welches ich heute mit ihm gut teilen könnte. Ein väterliches Klopfen auf meine Schulter erhielt ich damals noch, ein letztes mal und dann war ich auf mich alleine gestellt. 

Seither gehe ich meine Wege, handle nach eigenen Regeln und richte nach eigenen Gesetzen. Wie weit darf denn da eigentlich einer gehen? Meine Kräfte und Energien kaum zu bewältigen. Meine gesteckten Pfade mittlerweile so sicher, dass ich sie gewiss kompromisslos weitergehen werde. Wie weit darf man sich Freiheiten nehmen ohne dabei die Grenze anderer zu überschreiten? Ich habe es jeweils so gehandhabt, dass ich gegangen bin, wenn es mir zu eng und zu viel wurde. Immer höflich und stehts korrekt. Ein guter Deal finde ich, weil jemand der Freiheiten will bekommt noch mehr und ich weiss, dass die Anpassungfähigsten zugleich auch die Überlebensfähigsten sind. Stehts auf Reisen, immer etwas dazugelernt und ich hatte nie die Hoffnung auf einen freien Platz verloren. Nun bin ich angekommen die Hoffnung ist gestorben, welch ein Glück! Da fängt das Leben und die Freiheit erst so richtig an.

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Gerne hätte ich diesen ehemaligen Schulkollegen getroffen, wollte wissen wie es ihm so geht, scheint derweil aber gerade in den Ferien oder sonst irgendwie beschäftigt, dass ist auch gut. Er ist fast ein Engländer, «very british» und hat hier in London seine Arbeit gefunden.

Wegen der Queen bin ich natürlich nicht gekommen oder mich von einer alten Schachtel zum Ritter zu schlagen wäre auch der totale Kitsch. Ich bin hier wegen der nach wie vor regierenden Jugendkultur. Ein Haufen gut gekleideter Leute «each one unique and very stylish» und auch die Musik an jeder Strassenecke ein Genuss. Auch mich hat sie geprägt, vielleicht weniger die Kleider als die Musikkultur. In meinen bunten Trainerjacken aus den siebzigern fühle ich mich nicht mehr so wohl, hingegen die Platten lassen sich nach wie vor gut drehen und auf die Teller legen.

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In London gibt es selbstverständlich nicht nur junge Leute, sondern auch alte Häuser. Ich fühle mich in dieser grossen Stadt allgemein sehr wohl, es ist gemütlich, was mich angesicht der Dimensionen manchmal erstaunt. Die Stadt ist gelegentlich hektisch, vorallem am Morgen springen sie mit ihren Takeaway Coffe Bechern aus den Tubes und tauchen in ihre Arbeiten. Ein Bild, dass man auch von anderen Orten kennt.

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Vielleicht sind es auch die vielfach vorhandenen grünen Oasen, welche genügend Sauerstoff zum Atmen lassen und dafür sorgen, dass die Luft nicht ausgeht.

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Der Mann mit den Tauben hat es so wie ich, stehts stellen sich ihm dieselben Herausforderungen. Knoten lösen und Kabel entwirren.

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Sehenswürdigkeit gibt es ebenso genug, wie zum Beispiel das legendäre Blue Note am Hoxton Square. Dort wo in den Neunzigern zum ersten Mal die Plattenteller mit den Breaks aus längst vergangener Zeit ziemlich schneller gedreht wurden. Die Zeit ist heute eine andere, die Töne aber immer noch gut. Hingegen mache ich das erste Mal die schlechte Erfahrung mit englischer Nahrung. Mein Pint Bier deutlich milder als dieser Chicken Salat. In den Pubs habe ich aber entgegen aller Regel immer bestens gegessen.

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Das Zentrum habe ich selbstverständlich auch besucht. Ein gut gelaunter schwarzer Mann begrüsst mich, er ist Amerikaner und schnurrt ein wenig gar viel. «Ok, you haven’t any guns, weapons, bombs», er hat nun auch bemerkt, dass ich alleine Unterwegs bin. «No Beer?», «No Whiskey?». Beide Fragen verneine ich mit einem zufriedenen Gesicht und einem tiefen Blick in seine dunkle schwarze Pilotenbrille. Er steht vor einem Berg, dessen Profil kaum aus Fett besteht. Ich bin ein paar Köpfe grösser als dieser Mann, der das London Eye bewacht. Er verliert aber seine gute Laune noch lange nicht. «Alright, alright you’re cool men» und ich komme zu meiner Freude endlich durch.

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Wie London bei Nebel aussieht habe ich tatsächlich an einem frühen Morgen erlebt. Mein MacBook nehme ich eigentlich ansonsten nie mit in die Ferien, benutze aber diese Gelegenheit und ziehe mich ins nächste Café zurück. In London arbeiten wollte ich sowieso schon mal, darum mir einen feinen Kaffebecher bestellt und Offerten geschrieben, weil ich weiss, dass man nicht genug verschiedene Klientel pflegen kann. Aus A Kunden können schnell einmal B und C Kunden werden. In der Automobilindustrie soll es angeblich wegen oben angedeuteter Problematik ein bisschen kriseln, habe ich mir so sagen lassen. Ich hoffe man wisse die getätigten Anschaffungen des Hofes in diesem Jahr sehr zu schätzen.

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Ein paar Meilen in Richtung Norden habe ich auch gemerkt, warum sich das Vereinigte Königreich für meinen kleinen Roadtrip so gut eignet. Jede Kurve abwechslungsreich mit längeren und kürzeren Radien, auf sauberen Pisten über kleine Hügel alles «very smooth». Kein Wunder stammen die flachen Flunder wie zum Beispiel die Lotus Elise von hier. Die Miles per Hours grosszügig bemessen, die linke Fahrspur mit den zunehmenden Meilen sicher im Griff, zu Hause ist das mein Leben, die Überholspur.

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posted by chrigu  |  on 23. Oktober 2009
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