Into the Wild
Into the Wild
Ich bin gerade von Jagd zurück, besteige in Zürich den Zug der mich nach Bern bringen wird. Habe mir hier einen fetten Auftrag erbeutet und will nun die Ruhe, damit ich den Puls in meinen Adern etwas runterbringen kann. Ich bin nicht nur Mensch sondern auch ein Lebewesen, ein ganz athletisch schnelles Tier. Ich suche zur Entspannung auch gerne meinesgleichen, ein paar Abteile durchschlichen, habe ich auch jemand gefunden. Eine wunderschöne Raubkatze, ein ganz prächtiges Exemplar.
Wie man es unter Menschen so tut, frage ich höflich nach einem freien Platz. Die grosse Tasche wird ruckzuck verstaut, die Augenlieder bis an den Anschlag aufgeschlagen und das herzhaft offene Gesicht bestätigt mir, ich bin nicht unerwünscht hier.
Lange war ich heute auf den Beinen und falle relativ leicht auf den Sitz. Mein Gegenüber räkelt sich prima auf dem etwas zu klein geratenen zweite Klasse Fauteuil in diesem SBB Oberdeck. Ich fühle mich wohlig, sie ist sich noch nicht so sicher und hält sich an einem hochglanz Modemagazin fest. Das Inserat mit den roten Schuhen und den hohen Absätzen vermag ich noch zu erkennen, aber ich will da nicht länger stören und konzentriere mich auf das Lounge-Abteil, einen Platz weiter hinten.
Eine Reisetruppe mit ziemlich viel Gepäck hat sich gerade eingefunden. Drei Frauen im mittleren Alter, zwei jüngere mit ihren männlichen Begleitern. Ich bin mir nicht sicher, ob sie gerade aus den Ferien kommen, denn für sowas sehen sie etwas gar müde aus. Ihre Panda-Teddys durften die beiden Mädels mit auf die Reise nehmen, doch wo sind die Tiger geblieben, frage ich mich.
Die beiden Jungs wurden mal an die Hände genommen, sitzen nun daneben und schauen zum Fenster raus, sie wissen irgendwie noch nicht so recht.
Ich studiere und verfolge schon mal die Gesichtszüge und die paar Falten der jungen Damen im Gesicht – sieht hübsch aus, dass nun beginnende Geschnatter lässt mich halt doch eher kalt. Am Halter ihrer zwei besten Freunde haben sie jetzt bestimmt schon zwanzig mal herumgezupft und gezogen. Das grüne und ausgeschmückte Teil unter dem braunen Top, welches auf feiner Haut zu liegen kommt.
Die Kollegin lehnt sich an ihren Begleiter, kuschelt sich ein wenig an ihn. Sekunden später hockt sie schon wieder genervt mit verschränkten Armen neben ihm, das gesuchte Glück will scheinbar irgendwie nicht einkehren. Der Junge mit dem grünen Dakine Shirt steht ein klein wenig unter Druck, vielleicht hat es sich schon in den vergangenen Tagen und Wochen angestaut. Es entweicht nach hinten in die frische Luft. Die ältere Dame bleibt noch diskret, seine Freundin gibt ihm jetzt aber Saures.
Sie sind so nicht zufrieden mit ihren Jungs, ständig werden sie nun malträtiert und wirken dabei oft verwirrt – die können nur froh sein, dass sie nicht an Hundeleinen gebunden sind.
Ich werfe dem jungen Herr einen strengen Blick zu und er beginnt nun doch zu erröten an. Nicht, dass ich gegen einen Druckausgleich etwas hätte. Das Problem liegt darin begraben, dass Frauchen dann irgendwann ihren Freund verlässt und ihn vor die verschlossenen Türen setzt. Ich bin dann wieder derjenige, der die armen Hunde beim grössten Regen durch die dunklen Gassen führen muss, ich habe diesen Job jetzt echt langsam satt und werde vielleicht mal die Saiten wechseln.
Irgendwo in der mitte zwischen Bern und Zürich ist mir die junge Dame auf der rechten Bank doch etwas heiss gelaufen, das vorlaute «wooliser diitsch» ist nun verstummt. Die Dame ist nudelfertig, die Kaugummis schon längst verteilt. Doch Hilfe naht, das Wägelchen mit all den Süssigkeiten kommt vorbei, «Ach, ich liebe dich…» sind noch die letzten Worte, die ich von ihr zu hören krieg - tönt auf Hochdeutsch gewürzt mit etwas «wooliser diitsch» übrigens auch nicht schlecht. Mein Kopf derweil einmal mehr von meiner Nachbarin vis-à-vis abgelenkt, treffen mich tiefste Blicke ihrer wooliser Freundin ein Abteil weiter hinten – als wäre ich schon längst Teil dieses Schauspiels geworden. Sie kann sich vor Lachen kaum halten, ich bleibe ruhig und antworte mit einem Augenwink.
Was sie zu Hause nach der langen Reise erwartet und was vielleicht noch zu erledigen wäre, bestimmt das Thema. Ja, die Nachbaren sind ganz schlimm, «bei denen kifft im Fall die ganze Familie… e hüere seich…» meint die junge Dame, welche ihre Haarpracht zum feinen Rossschwänzchen gebunden hat. Wie es bei ihnen so gewesen ist und wie sie es damals so gemacht haben, werden die drei älteren Damen mit grauem und teilweise kurzem Haar gefragt. Wohl schon etwas länger Solo unterwegs, wissen die älteren Semester natürlich ein wenig Bescheid über diese Geschichte. Doch die gestellten Fragen verbleiben mehr oder weniger in Verschwiegenheit. Schade eigentlich, in den 68er dürfte doch angeblich so einiges am Dampfen gewesen sein.
Die erhitzte junge Dame verlangt jetzt nach einem Getränk aus Wasser, ihre Freundin mit Rossschwanz genehmigt sich einen Apfelsaft. Die älteren Damen brauchen jetzt den härteren Stoff. Ein holländisches Gebräu, diese grüne Dose mit dem roten Stern. Die alte Frau stellt die leeren Dosen jeweils auf den Boden, wütig und agressiv wird die Dose mit ihren Stiefeln einmal schnell und hart malträtiert, es gibt jeweils einen kurzen lauten Knall. Ein etwas fragender Blick meinerseits «Ach nöö, musste das jetzt nötig sein.»
Ich mache mir ein paar Gedanken und komme zu meinem Schluss. Die heissen Affären sind mir lieb, dass mit einer Beziehung lasse ich vielleicht doch besser sein.
Wir kommen dem Bahnhof Bern näher, ich bin nicht Freund von lauten Worten und habe noch keine Kommandos an diese Truppe verteilt. Kaum aufgestanden und meine paar Sachen gepackt, betrete ich den Durchgang und als wären wir im Militär beim Salutieren, werden die Beine ruckzuck zur Seite geschoben. Ich versuche noch einmal einen Blickkontakt herzustellen, doch die Köpfe hängen tief. Wie kleine Hunde kauern sie still und leise auf den Bänken links und rechts vor mir. Bis jetzt habe ich noch kein einziges Wort gesagt, aber was soll den weiterhelfen? «Noch einen schönen Tag!», aber damit hätte ich wahrscheinlich schon zu viel gesagt.
Keep moving on… Einmal mehr nehme ich meinen iPod zur Hand und durchscrolle meine Playlisten. Ein bisschen Musik wäre mir jetzt ganz angenehm. Wie wärs damit: Tom Petty & The Heartbreakers – Mary Jane’s last Dance
Ich verlasse diesen Zug und laufe auf dem Bahnsteig entlang. Ungeahnt überholt mich jetzt knapp und scharf noch diese Raubkatze von der rechten Seite her, gekonnt führt sie mir in hautengen Jeans ihr sehr sportliches Fahrgestell vor und kämmt ein letztes mal mit ihren schönen Pfoten durch ihr langes und geschmeidiges Haar. Auch ich muss mich jetzt spurten, denn eines ist gewiss, mein Anschlusszug auf den anderen Geleisen wird mit Bestimmtheit nicht auf mich warten können.