Go West

Go West

Die heutige Technik hats in sich, so manches wurde damit vereinfacht und wiederkehrende Arbeitsabläufe in die Hände der IT gelegt. So habe ich mein ganzes Büro auf ein paar Quadratzentimeter rationaliseren können, alle meine Key-Accounts und die dazugehörigen Kontaktdaten stehen mir auf meinem MacBook Pro zur Verfügung. Auf meine Buchhaltung und mein Rechnungswesen habe ich stehts Zugriff, weiss Bescheid über den aktuellen Stand der Dinge und kann dementsprechend handeln.

Für die Umsetzung meiner Projekte bin ich natürlich auf eine zuverlässige Peripherie von Partnern angewiesen. Wenn es beispielsweise um die Digitalisierung von Fötelis und Texte geht, tut es auch so ein Büroschreibtischscanner. Diesen gibts bei Media-Markt sicher schon ab 99.99 und lässt sich relativ leicht unter die Schulter klemmen und bequem via USB – so heisst das neumodische Zeugs – an mein Macbook Pro anstöpseln.

Wenn es um die Digitalisierung der wertvollsten Bilder für die schönsten und wichtigsten Bücher dieser Welt geht, bevorzuge ich etwas andere Peripherien. Der Magnascan 646 von Crosfield ist etwa eine halbe Tonne schwer, hat die grösse einer Einbauküche und hatte damals so einen Neupreis von rund einer halben Million Schwizerfränklis.
Der Dichteumfang liegt bei knapp Dlog 4.2, die billigen chinesischen Pendants von heute schaffens vielleicht auf 2. Die drei Photozellen, welche die Vorlage punktuell abtasten, arbeiten etwa um den Faktor genauer, wie sie grösser gegenüber den CCD-Chips der Büroschreibtischscanner sind, welche die Chinesen dermassen verkleinern mussten, damit sie die CCD Elemente in Reih und Glied aneinanderkleben konnten und damit gleichzeitig auch noch eine anständige Auflösungen erreichen mussten. imageDie optische Schärfe lässt sich manuell auf die Vorlage fokussieren, bei Dias bis aufs Korn genau, bei den Chinesen müssen wir einfach hoffen, dass das vorliegende Gerät für einmal oder ganz zufällig den Fertigungstoleranzen entspricht.
Wem dies jetzt alles zu chinesisch war, hier ganz einfach: In der Regel chauffiere ich sie mit den Chinesen herum, wenn sie es aber Wert sind, hole ich sie mit dem British Rolls-Royce ab. Wie es sich gehört für einen Rolls-Royce fährt er sich auch noch nach Jahren zuverlässig, der Magnascan 646 SNr. 2393050 hat Baujahr 1984, und bitte welches Gerät der IT ist nach 23 Jahren noch in Betrieb.
Letzte Woche hatte ich ein Déja-Vu. Damals war ich in der Stifti etwa Anfangs zweiten Lehrjahres. Ich wünschte mir einen eigenen Arbeitsplatz, wie es alle anderen Lehrlingskollegen in der Gewerbeschule auch hatten. Denn nicht zuletzt habe ich mir damals einen Beruf gewählt, wo ich mit dem Apple Mac arbeiten konnte. So blieb mir der Lehrerberuf oder der Einstieg ins graphische Gewerbe. 
imageNun hatte ich in der Stifti eben keinen eigenen Arbeitsplatz und so hatte man mich vor diesen Scanner den Magnascan 646 SNr. 2393050 gestellt und es wäre ja zu einfach gewesen; den Mac behersche ich schon seit dem Chindsgi mit Links, der Macintosh Plus mit MacPaint war damals meine Lieblingsspielecke. Mit diesem Magnascan hatte ich aber Anfangs einfach meine Mühe und schien mir unzähmbar. Marc war gelernter Scanner-Operator und hatte sich die Zeit genommen, um mich in die Geheimnisse und Funktionen dieses «Scanners» einzuweihen, Marc sprach fast nur französisch was die Hürde nochmals etwas höher setzte. Gewillt war ich und selbstverständlich wollte ich dieses Tier einer Maschine bändigen. Fleissig zog ich Dias und Aufsichtsvorlagen auf die Zylinder auf, im Gegenzug lehrte mir Marc die Bedienung. Erste Versuche blieben erfolglos, von Schwarz bis Weiss war alles zu sehen, aber mit der Zeit wurde mir das Gerät vertrauter.
Marc und sein gerade vom Aussendienst degradierter Kollege mit dreitage Bart vergnügten sich mit der neuen Stempelfunktionen von Photoshop 1.x, während ich mittlerweile etwas hässig diese unzähligen Vorlagen auf die Zylinder montierte. Die beiden Kollegen vervielfältigten irgendwelche Ständer mit brennenden Kerzen und machten sich gleichzeitig über ihre sowieso viel zu jungen Frauen zu Hause lustig. Bei mir stapelten sich die Vorlagen bis zum Hals und der grosse Stift wie man mir damals sagte, gab das wenige Französisch von sich: «Ahh… les bébés s’amusent hä?!» Die beiden mussten zuerst kurz tief Luft holen, bevor sie mich dann wieder ziemlich laut auf meinen Berg mit Vorlagen verwiesen.
Einmal besuchte mich der nette Roland und er wies mich darauf hin, dass ihm hier nur noch ein Scanner-Operator zur Verfügung stünde und ich soll doch gut aufpassen, denn wenn Marc einmal Ferien hätte oder Krank würde, müsste ich ihm die Vorlagen einscannen, weil sonst hier niemand dieses Ungetüm bedient.
Es ging nicht lange, als ich eines Morgens pünktlich um acht Uhr vor dem Magnascan wartete, aber Marc kam einfach nicht. Ich wartete eine halbe Stunde bis der nette Roland zu mir kam und erzählte, dass die Frau von Marc angerufen hätte. Marc sei diese Nacht mit der Rega von Biel ins Inselspital geflogen worden, wegen eines Hirngerinsels. Es sei schwierig sagte mir Roland, man wisse im Moment nicht einmal ob er jemals wieder arbeiten könne, aber ich soll mir nicht so Sorgen machen, solange man nichts genaueres weiss.
Da stand ich nun ganz alleine vor dieser Kiste und es dauerte auch nicht lange, bis mir Roland einen Stapel mit Aquarellen vorbei brachte. Hans de Beer hatte wieder einmal gemalt und gezeichnet. «Der kleine Eisbär und der Angsthase» hiess diese Geschichte und diese Geschichte ist diese. Der nette Roland erwähnte nicht einmal, dass ich diese original Vorlagen mit höchster Sorgfalt behandeln sollte, ich soll mich einfach melden, wenn es mir an etwas fehlen würde. Tja, mir perlte der Schweiss von der Stirn – heute wäre ich kühler und ich würde mir bestimmt einen Kaffe bringen lassen. Ich montierte diese Aquarelle auf den grossen Zylinder, etwa dreimal überprüfte ich jede Tesaklebestelle, weil es ist so, dass der Zylinder mit hoher Geschwindigkeit rotiert und wenn sich hier etwas löst habe ich nicht einmal mehr ein schwarzes oder weisses Bild, der kleine Eisbär verwandelt sich dann in Konfetti.
imageIch war gerade bei Vorlage Nr. 17 angelangt, als Lars in diese Polarstation fiel, verzweifelt suchte ich auf der Vorlage nach dem hellsten und neutralsten Weiss, damit ich sauber den erstdruckenden Punkt absetzen konnte. Es wurde gewünscht genügend Zeichnung im Schwarzkanal zu erhalten: «CAL 011» «BLK STR POINT=00.15», «BLK STR SLOPE=01.25», zum Glück war mir dies nicht allzu fremd, aber ich konnte Lars in seiner Situation gut nachfühlen.
Alle Vorlagen hatten schlussendlich die Karusselfahrten ohne Probleme überstanden und die erzeugten Bilddaten waren gemäss Aeschbi tip top, womit ich meine Stirn vom Schweiss befreien und ich endlich erleichtert nach Hause gehen konnte.
Am Ende meiner Stifti wollte ich hier raus, weil der weite Westen rufte mich, ich wollte in die Welt hinaus und so ging ich. Die beiden Häuptlinge, die hier den Laden jahrelang führten, hätten sich angeblich kurz danach verkracht, die mehr bessere Hälfte musste schlussendlich gehen, «der Regebogenfisch stiftet Frieden» von Markus Pfister schien hier auch nicht mehr anwesend zu sein, obwohl er sich später in Allerwelt zeigte und in 26 Sprachen verfügbar ist, jedenfalls habe ich mir damals darüber keine Sorgen gemacht, schliesslich hatte ich ja erfolgreich meine Lehrabschlussprüfungen bestanden. Ich zog von Stadt zu Stadt und es war kurz zusammengefasst immer wieder dasselbe Spiel, die meisten Cowboys zogen sich zurück oder ich schickte sie nach Hause, bis ich dann am Ende wieder alleine auf der Strasse stand und gelangweilt einen neuen Spielplatz suchen musste. Ein paar Jahre vergingen, als ich einmal spät Abends durch Berns Gassen spazierte und ich ein paar alte Bekannte traff. Lars, der kleine Eisbär und der Angsthase fand ich im Schaufenster eines Kinderbuchladens. Etwas beschähmt, dass ich denen noch kein Platz in meinem Bücherregal gewidmet habe, kaufte ich mir dieses Buch. Denn immerhin habe ich ja mal dafür gesorgt, dass aus Lars nicht Konfetti wurde.
Es ist jetzt etwa acht Jahre her und ich stehe wieder vor dieser Kiste, dem Magnascan 646 SNr. 2393050. Er steht immer noch am gleichen Ort und in der gleichen Halle wie damals, einiges hat sich aber verändert.
image In diesem Gewerbe gab es einmal mehr als zehn Berufe, Fotolithograph, Tiefdruckretuscheur, Schriftsetzer, Reprofotograf, Typograf, Scan-Operator, … heute gibt es nur noch einen.
In dieser Halle waren zu meiner Stifti-Zeit mehr als zehn Leute angestellt, jetzt stehe ich alleine hier vor dem Magnascan 646 SNr. 2393050. Das Geld reicht heute nicht mehr um einem Scan-Operator regelmässig einen Monatslohn zu bezahlen, so sind die Flexiblen mit ihren rationaliserten Büros gefragt. Ich digitalisere wiedereinmal Vorlagen eines Kinderbuches, es heisst jetzt nicht mehr «Der kleine Eisbär und der Angsthase» sondern «Nils will nicht ins Bett».

posted by chrigu  |  on 28. September 2007
in Personal Stuff   |  
go back

Name:
Email:
URL:

Remember this info for future comments

Comment:

Please enter the word you see in the image below:

Receive follow-up comments via email