Finale
Finale
«Finale» ist nicht etwa der letzte Akt eines langen Theaters und auch nicht grosses Kino, wie man aus dem Titel vielleicht schliessen würde. Insider wissen, mit Finale ist hier eine Ortschaft in der italienischen Region Ligurien gemeint. Wilde Tiere kommen hier her, lassen sich von Steinen und Felsen zähmen – weil es vielleicht sonst niemand tut. Sportkletterer suchen gesichert an Seilen nach griffigen Kanten, breite Reifen finden gesichert durch meist horizontale Fliehkräfte und mit ebenso viel Kraftaufwand kontrolliert ihre Pfade.
Aber beginnen wir doch ganz vorne, da wo sich der Horizont ins Unendliche zieht. Tiefblau ist das Mittelmeer, hellblau mit weissen Wolken befleckt der Himmel. Die Strandkörbe noch weitgehendst leer, ein Blick genügt mir, es gibt sonst nicht viel zu sehen. Schon interessanter sind da die mit Milch dicht geschäumten Kaffetassen, welche es entlang der mit grossen Palmen gesäumten Strandpromenade gibt. In Reih und Glied stehen die Cafés aneinander, wie die edlen flachen vierrädrigen Karrossen gegenüber. Ob mir das reicht? Nein, natürlich nicht.
«Finalborgo» heisst dieses kleine Städtchen etwas landeinwärts, dessen mittelalterlichen Ursprünglichkeit man ihr auch ansieht. Besonders schön sind die engen Gässchen, die attraktiv mit Wäsche verzierten Leinen, welche die einzelnen Hausfassaden miteinander verknüpfen und selbstverständlich die zierlich ausgeschmückte barocke Kirche, die sich gut geschützt innerhalb der Stadtmauer befindet. Gut befüllt ist diese Stadt vorallem mit Touristen, unser Eldorado liegt aber weit höher. Das mediterane Klima hat volle Arbeit geleistet und hinterlässt teilweise staubtrockene Pisten unter Orangenbäumen und anderem eher trockenen grünen Gewächs. Die Jagdsaison der Wildschweine liegt ausserhalb unserer Anwesenheit und wir kommen zur richtigen Zeit.
Seit den Anfängen meiner quasi MTB-Zweirad-Karriere etwa Ende der 80er hat sich vieles getan. Ein Rad reicht heute nicht mehr, ohne diese Tatsache wäre es aber auch nicht möglich uns vorliegendes Terrain mit viel Spass zu bewältigen. Von den Attributen leicht-wendig-spritzig-bergauf bis schwer-schnell-spurtreu-bergab ist vieles zu haben, vollständig kompromisslos gehts einfach nicht. Wir fahren hier mehrheitlich die sogenannte Enduro Klasse, diese lassen sich trotz ihren Qualitäten in rauhem Gelände vorallem bergab, auch noch relativ gut aus eigener Kraft den Berg hinaufpedalen.
Die Bergspitzen liegen auf rund 1300 Meter über dem nahe gelegenen Meerwasser, dort oben kann ordentlicher Wind wehen. Die Rotorblätter dreier Windmühlen zischen unaufhörlich, die Nato-Base liegt still vor unseren Füssen. Spätestens wenn wir unsere Knieschoner anziehen werden meine Atemzüge schwermütiger. Die Anspannung wird sich legen, dann wenn die ersten Kurven und Hügel der zu Beginn noch «flowigen Trails» flüssig durchgezogen werden. Der Fahrradsattel wird auf die niedrigste Position gestellt, das Hinunterbolzen auf zwei Räder erfordert eine aktive Fahrweise und entsprechend viel Kraft in Armen und Beinen, ein paar Atempausen werden wir einlegen und ich bin froh darum. Das vielfache der Erdbeschleunigung soll unser aktuelles Material aushalten, wir wohl weniger, die hohe Kunst besteht deshalb auch mit entsprechender Fahrtechnik diese Kräfte möglichst klein zu halten. Wer es schafft, die gut durchgestalteten Unebenheiten schon fast zu überfliegen, erlebt unbeschreibliche Gefühle, welche uns dann unten an den Sandstränden ein breites Strahlen im Gesicht beschert.
Die engen Pfade sind dank italienischer Manier nur für Ortskundige oder dank moderner Navigationstechnik auffindbar. FR 5 bis 7 sind für den darauffolgenden Tag eingestellt. Die Zufahrten erfolgen über asphaltierte Passstrassen, dort wo mit glänzender Haarpracht helmkopflose italienische Rennradler entgegenrollen und uns nach herzhafter italienischer Manier begrüssen. Ebenso der Shuttle-Service der Downhill Klasse, dessen Chauffeure unseren Ehrgeiz mit einem Daumenhoch forcieren. Wir sind aber nicht die einzigen, welche mit gröberen Geschützen den Berg hinaufpedalen, die Elite scheint sich hier oben zu treffen.
Gestärkt mit einer leicht verdaulichen Minestrone nehmen wir schon mal FR 5 in Angriff, dieser endet etwa in der Mittelstation der stetig ansteigenden Passstrasse zwischen Finalborgo und dem Colle del Melogno. Für FR 6 und 7 treten wir hier nochmals ordentlich in die Pedale. Vor mir haben sich die vier Kollegen formiert, die zwei vordersten tragen zum einen ein rotes und zum anderen ein grünes atmungsaktives Shirt. Wir fahren nicht nur ausgeklügelte Technik, wir leben untereinander auch verschiedene Kulturen, Philosophien und deren Gruppierungen. Bekennen uns dazu mit den visuellen Identitätsmerkmalen wie Namen und deren Schriftzüge. Einer der beiden vorderen verdanke ich schlussendlich auch einen Teil meines Umsatzes bzw. dem Mittel, das meine Reise hier ans Mittelmeer ermöglicht. Weniger durch Kommunikationsmassnahmen als mehr mein streben nach Perfektion in der Bildverarbeitung und Druckdatenherstellung. Ein gestreiftes «Rotwild» der CrossCountry Klasse fährt direkt eine Radlänge vor mir, es wird sogleich aus der Formation ausbrechen und die beiden vorderen Jäger werden die Verfolgung aufnehmen. Ich schalte dagegen ein paar Gänge zurück, lasse die Staffel davon ziehen und erlange Kapazität die mediterrane Umgebung links und rechts ein wenig genauer zu Betrachten. Ihr Vorsprung am Colle del Melogno wird gerade mal reichen um ein paar Münzen für die nächste kühle Koffeindose aus dem Rucksack zu klauben. Am Morgen habe ich mir ein «Fox» Jersey hinübergestreift und fahre diese Tage zur Abwechslung ein Enduro Bike, dessen Vater mit meiner ehemaligen Lehrerin zur damaligen Zeit in einer Berner Vorortsgemeinde zusammen in einer Art Kommune gelebt haben dürfte. Die Haare werden nach wie vor etwas länger gepflegt, von diesen Leuten habe ich gelernt, dass Sekunden und ähnliches nicht die Welt bedeuten.
In Finale Ligurien erhält man relativ viel Trails für wenige Höhenmeter. FR 6 und 7 ziehen sich in die Länge und sind dabei alles andere als flach. Grobe Steine und steile Felsplatten säumen immer wieder unseren Weg. Eine Fahrbahn welche schlichtweg atemberaubend ist und das Herz definitiv höher schlagen lässt. Kurz vor der Stadtmauer von Finalborgo fühlen wir uns wie kleine Helden. Drei- viermal, dann freuen wir uns einfach unbeirrt gaffender Touristen auf den Kübel hausgemachter Glacé in der nächstgelegenen Gelateria. Und am Abend sind wir nicht zuletzt froh, dass die drei kurz am Ende von FR 7 und 8 parkierten Ambulanzwagen unbewegt blieben.
Das Abendessen haben wir uns jeweils verdient, im Stadtinnern lässt es sich gut speisen, zu Preisen welche auch mich mal zu Wein und Dessert greifen lassen. Bei einem Jahreseinkommen, das unterhalb des schweizerischen Durchschnitts liegt, rechnet man eben gerne, dumm und ungesund ist das nicht und mehr Arbeit wäre auch nicht das Gesündeste. Wie der sich so einen sauteuren schwarzen Schlitten leisten kann? Nein, ich habe keinen Goldesel, ich bin einer… Ich kann rechnen, man entscheidet sich mit zwanzig auf Zigaratten und das dritte und vierte Bier zu verzichten, bei einer Laufzeit von Zehnjahren ergibt dies etwa den Betrag, der nötig ist um sich seinen Traum zu verwirklichen, ganz einfach…
Am Sonntag – dem letzten Tag unseres viertägigen Aufenthaltes, lassen wir es nochmals krachen. Die langweilige Pedalerei können wir uns schenken, dank unserer einmaligen Kollegin, welche uns auf vier Rädern hinaufschuftet. Sie sorgt am Morgen nicht nur für frisches Brot, sondern verfolgt uns auch auf den FR Trails gefährlich nahe am Hinterrad. Der Strand bei den langsam sommerlichen Temperaturen wäre dabei schon fast vergessen gegangen. Leichtfüssig laufen wir zu viert durch den Sand, dazu kommt es aber auch nur, weil sich mein Kollege im nächstgelegenen Ospidale noch verarzten lassen muss. Dank italienischer Manier werden die paar Stiche noch ein wenig warten müssen. Goldene Fallschirme und schöne Abgangsentschädigungen gibt es in unserem Business halt nicht – harte Schule! Mich hatte es auch schon erwischt.
Das Strandleben ist folglich interessanter als auch schon. Die Sonne scheint und lässt feine Haut leicht bräunlich werden. Wie gestrandete Walrösser liegen sie auf ihren Badetücher, doch «etwas» scheint sich nun zu bewegen. Vergnüglichst beobachte ich einmal mehr die Anflugverfahren der Damenwelt, sie geizen da jeweils nicht mit reizen. Ihre schoggibraunen Beachboys rollen dagegen noch ein wenig orientierungslos am Boden. Sie werden auch noch auf ihre Kosten kommen, spätabends an den schönsten Stränden werden sie sich wahrscheinlich mit «Engine Failure» und anderen Unannehmlichkeiten abmühen – who knows, zu diesem Zeitpunkt bin ich halt schon wieder über alle Berge. Ungefähr 5 Stunden dauert die Fahrt vom Mittelmeer durchs Aostatal in die heimatlichen Gefilden, selbstverständlich gehts auch schneller.
Ich wurde von Haus aus mit einem kleinen Mundwerk ausgestattet, aber gelegentlich öffne auch ich die grosse Klappe, dann wenn die Crew definitiv müde und ein wenig sprachlos vor mir steht. Ich verabschiede mich temporär von ihnen, wünsche erholsamen Schlaf und versorge mein dreckiges weisses Pferd in den Keller. Sechs Stunden verbleiben mir nun für ein bisschen Schlaf bis zur nächsten temporären Baustelle.
Es ist Montagmorgen früh, die Arbeit ruft. Ein Klack und der Zündschlüssel steckt in meiner schwarzen Raubkatze. Der Sportback schnurrt in den schönsten Tönen ganz gemütlich – immer wieder ein Grund frühmorgens aufzustehen. Diesmal gehts nach Zürich und ich überhole dabei einen penetrant roten Sattelzug, er wird schon in Bälde eleganter daherrollen, da bin ich mir sicher. Inserate sollte ich noch fertigmachen und die kleinen Seeräuber für die Sonntagspresse rechtzeitig rausgeben. Wo Arbeit ist gibt es auch Chefs oder spätestens Kunden, sie werden ordentlich Federn lassen, soviel ist gewiss.
Drei Tage dauert es mittlerweile, bis ich mir in so einem Werbeladen einigermassen den Überblick verschafft habe, die Räume sind dann wohltemperiert. Beobachte das bunte treiben der Kreativindustrie. Die Saubermacher der Frauenhand bekommen endlich die Headline die sie verdienen. Allzu lange sollte ich hier nicht bleiben, die Sache wird ganz einfach irgendwann zu heiss laufen. Erfahrungen habe ich genug.
Zuhause müssen noch schnelle Autos mit schönen Mäusen kombiniert werden, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Bewege mich darum wieder heimwärts, setze die schwarze Kiste auf die bevorzugte Fahrspur, überlasse die Geschwindigkeit dem Tempomaten und befeiere meinen Feierabend mit einem kräftigen Biss in den süsssauren Apfel. Etwas Musik vergangener Tage verkürzt die Fahrzeit ungemein, meine 15-jährige Musiksammlung wächst ins unermessliche und jede Perle hat ihre eigene schöne Geschichte zu erzählen.
Ich mag meine Beziehungen und Klientel sovielseitig -schichtig wie die Kugeln der Gelaterias in Italien selbst. Straccatella, Caramel, Vanille, Pistaccie, Fragola, Tiramisu… man kann es mir nicht übel nehmen.