Allegra e bainvgnü a Scuol

Allegra e bainvgnü a Scuol

Endlich, ich sehe langsam Licht am Ende einer langen schwarzen Röhre, der Vereina-Tunnel entlässt mich ins Unterengadin. Die Gegend zeigt sich in seiner vollen Pracht, goldig sind die Lärchen, von gelbgrün bis rötlich das Laub. Die warme Spätnachmittagssonne bringt die Umgebung zum erglühen, während sich ein kalter und blauer Himmel darüber legt.

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Es ist genau so, wie ich es mir gewünscht und in meinem Kopf vorgestellt habe. Freudig fahre ich den VW-Bus über die mir nicht unbekannten Strassen in Richtung Scuol, den Sven Hedin – übrigens auch ein alter Schwede – dirigiere ich ohne Umwege auf den Campingplatz Gurlaine, wie ich ebenso problemlos den Trinkhahn für die Frischwassertanks finde. Das iIrgendetwas im «Shuffle-Modus» liefert die perfekten akustischen Untermalungen «feels like home – Phontaine», ich bin nicht das erste mal hier.

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Ich war schon mit den Grosseltern, den Eltern, den Geschwistern da und habe so manchen Kollegen nach Scuol verschleppt. Dieses mal habe ich mir erlaubt, die recht komfortable Einzimmerwohnung auf Rädern für mich alleine zu beanspruchen, weil wenn ich zu meinen Soloausflügen ansetze ist es so, dass ich mich dann aufs allernötigste Beschränke. Das heisst ich statte meinen flinken «BMC Challenger» mit Gepäckträger und wasserdichten Taschen aus und ziehe mit Einmannzelt, Gaskocher und Geschirr davon.

Die Grosseltern haben schon längst ihren Frieden unter der Erde gefunden, die Eltern und Geschwister wissen mittlerweile selber ihre Reisen zu planen und meine flotten Jungs sind selbständig und gross geworden und wissen scheinbar ihre eigenen Pferde zu pflegen. Das iIrgendetwas, welches so über diverse Frequenzbänder und Kommunikationskanäle verfügt, bleibt jedenfalls zu meiner Beruhigung still. Das war nicht immer so, damals als ich solo mit meinem «BMC Challanger» über die Alpen, durch die Provence an die Côte d’Azur pedalt bin, erhielt ich Kurzmitteilung, die in der Art und Anzahl beängstigend waren. Noch beängstigender waren allerdings meine Pläne mit meinem bescheidenen Equipment nach Barcelona oder vielleicht nach New York zu kommen. Ich hatte mein iIrgendetwas nicht dabei, das kleine weisse Ding welches immer so schön tönt, hatte ich übrigens an den Stränden nahe von Marseille nicht einmal vermisst. Meine Pläne noch weiter zu pedalen glichen der eines Einwegtickets in die Wüste, es soll dort angeblich in der Nacht spannend sein, wenn man zum Beispiel in den klaren Himmel schaut. Ich kann mich für solche Dinge einfach nicht begeistern lassen, weshalb ich mich entschieden hatte meine Heimreise anzutreten.

Es kann ein erfüllendes Gefühl sein, seine flotten Jungs bei den alltäglichen Spaziergängen zu begleiten und beobachten wie sie jeden Tag grösser werden, es ist aber auch immer wieder eine grosse Herausforderung. Den Mädels farbige Haare jeglicher Couleur hervorzuzaubern finde ich dagegen noch eine Kleinigkeit. Ich genehmige mir darum mal ein paar Freitage und hopple für ein kurzes Weilchen davon, behalte mir aber das Recht vor, gelegentlich ein waches Auge auf sie zu werfen, so wie es die Eule tut, die auf dem Baum wohnt unter dem ich den VW-Bus abgestellt habe.

Grosseltern sind goldwert, nicht nur weil sie Zeit haben, sondern weil sie für Dinge wie kleine Fallschirme basteln, Wasserräder flicken, malen und Briefmarken sammeln ebenso grosse Leidenschaften entwickeln können, wie wir es damals konnten. Für die Leute von heute, Briefmarken sammeln ist wie facebook.com. Man sammelt kleine farbige Bildlis, klebt und pflegt sie, man spricht mit ihnen, sortiert und gruppiert sie mal so und mal so. Je grösser die Sammlung, je grösser das Gewicht und man kann nur hoffen, dass sie nicht für alle Ewigkeit verstauben. Meine Grossmutter hatte damals Tage gebraucht, um die schweren Bücher des verstorbenen Grossvaters fachgerecht aufzulösen. Er war ein grosser, seine Blicke waren scharf und klar, seine Kleider heller und leichter als die der anderen und er liebte die hohen Berge ebenso wie das weite Meer. Nicht früh genug konnten wir uns am Morgen in die nahe gelegene Ferienwohnung der Grosseltern schleichen, den oben genannten Beschäftigungen nach gehen oder so kleine Notizzettel voll kritzeln. Ich nahm dafür mit vorliebe den blauen Stift, zeichnete gerne das Wohnmobil, kritzelte das Velo, es hatte noch Platz für das Strichmännchen mit Händen, Füssen und Brille und ich malte diese rosa Spinne. Ich hätte sie schon wieder am Boden liegen lassen, während Grossvater seine Zeit damit zu nutzen wusste, diese Zettelchen für seine «Studien» zu gebrauchen. Grossvater nahm seinen Hut und ich drehte an diesem Rad, immer wie schneller und er verlor seinen Hut, immer wie wilder und es hätte uns schon bald schwindlig werden können.

Wir waren leider nur ein paar mal zusammen in Scuol, der Grossvater wurde von Depressionen heimgesucht, er kam in eine Klinik wurde mit diversen Pillchen und Kügelchen versorgt und es machte mir ein bisschen Angst. Niemand wusste warum und wieso – er hatte doch immer so gestrahlt. Er kam nach langen Wochen wieder zur Grossmutter nach Hause zurück und ich war etwas beruhigt, aber mein alter Grossvater konnte mir niemand mehr zurückgeben. Als er dann für immer seinen Schlaf gefunden hatte, war ich gelegentlich bei Grossmutter zu besuch und half sein Bahn-, Mal- und Studierzimmer fachgerecht aufzulösen. Ein Mäppchen lag etwas augenfällig auf seinem Studiertisch, darin fand ich meine Zettelchen wieder, alles wurde von ihm schön aufgeklebt, kommentiert, betitelt, bezeichnet und man hätte schon fast von einem Verrückten reden können – die Verwandten würden dafür höchstens Verständnis zeigen. Das Zettelchen sollte angeblich sowas wie mein «Million-Billion-Obligations-Wertpapier» sein. Da ich gerne an solchen Sachen herumrätsle nahm ich mich der Sache an, denn die Kreuzworträtsel sind etwas fürs Grosi, Sudoku – ich weiss schon gar nicht wie das geht.

Ich beginne schrittweise zu verstehen, der Alleingang dürfte vielleicht der schmalste Grat sein, den es zu bewandern gilt. Ich sehe auf meinem feinen Plätzchen weder rosa Spinnen noch ist das Strichmännchen hier, mein «Million-Billion-Obligations-Wertpapier» hats sich in ein paar Gramm Zellulose und Holz verwandelt, aber das Brot schmeckt mir jetzt besonders gut. Ich sitze hier so vor dem VW-Bus und brauhe mir etwas Kaffee, die zwei Tafel Schokolade, welche ich mir vorsorglich gekauft habe, bleiben fade und unangetastet. Ich nehme mir die Zeit und koche mir feine Menus und weiss dank meiner «kleinen» Schwester das Fleisch mit Kräutern zu verfeinern. Ich schaue ins breite Unterengadin und empfinde das erste mal seit langem wieder so etwas wie Ferien.

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Ich bin nicht nach Scuol gekommen um nur herumzusitzen. Nein, ich will mich auch Vergnügen und vorallem muss ich meine Vorräte an Endorfinen und Adrenalinen wieder auftanken – von denen brauch ich dann änet dem Vereina-Tunnel gleich wieder hektoliterweise. Es stehen mir zwei besonders exquisite Pläne zur Verfügung, einmal die Nationalpark Bike-Marathon Strecke abfahren und einmal durch die im Val d’Uina angeblich schönste und eindrückliste Bikestrecke von ganz Europa brätschen. Hab zwar die Karten für die bevorstehende Tour in der Hand, habe mich aber nicht gross auf diesen Marathon vorbereitet, aber ich möchte am bevorstehenden Tag früh los, damit ich am Abend wieder in Scuol sein kann. Die grössten Schwierigkeiten beim iIrgendetwas bestehen darin, aus den zwanzig Weckrufen den richtigen Ton zu finden. Die Sirene des auftauchenden U-Bootes? Nee, das ist mir jetzt zu stressig und zu gefährlich. Das Bellen der Hunde? Hmm, die habe ich eigentlich zu hause gelassen. Hingegen dürfte mich das Klingeln und Scheppern des Flipperkastens mit Begeisterung aus den Federn holen. Ich bin schon fast friedlich eingeschlafen, als sich das iIrgendetwas spät Abends mit einem Telefonanruf meldet. Ach shit… Ich hab vergessen das gute Teil in den «Flugmodus» zu schalten, das iIrgendetwas kappt dann alle Leitungen und Netze und kapselt sich erfolgreich von der Aussenwelt ab. Trotzdem, den Anruf des Vaters werde ich später beantworten. Vater hat meinem Onkel sein schönes Navigationsgerät gegeben, der Onkel hat das alte mit den Karten von Griechenland dem Vater gegeben, dieses braucht jetzt der Onkel wieder wenn er nach Prag reisen will, dieses Navigationsgerät ist dummerweise mit dem Sven mitgekommen, er bräuchte dieses, wenn er am ende Woche mit seinem Camper los fahren will, glücklicherweise konnte der Onkel das neue Navigationsgerät vom Vater verwenden. Jungs und ihre Kompasse, das ist so eine Geschichte für sich.

Gut gefrühstückt und gut genährt beginne ich die Nationalpark Bike-Marathon Strecke, die Sonne schläft noch und ich nehme die ersten paar 444er Täfelchen in Angriff, welche mir den ganzen Tag meinen Weg zeigen werden. Ehrfürchtig bin ich noch gegenüber diesen viertausend Höhenmetern, die sich über 138 Kilometer verteilen. Die Kette schnurrt, kein knarzen und knacken ist zu hören, es läuft wie geschmiert und ich bin guter Dinge. Alsbald die ersten Bergflanken bestrahlt werden, kennt meine Euphorie schon fast keine Grenzen mehr. Die Morgenstimmung legt sich eindrücklich über die bezaubernde Alp Astras, ich darf dieses Tal für mich alleine beanspruchen, wie ein Enduro-Pilot, der an seiner Maschine leicht am Gashebel ziehen darf, hüpfe ich über die Pfade. Ich bin noch bei vollen Kräften und gebe Gas. Es folgt ein weiteres Tal, einen weiteren Pass und ich finde auf der italienischen Seite eine Gegend vor, die irgendwie nicht so ins Bild hiesiger Alpen passen will. Die Berge sind wild und ungezähmt, die Natur rund um den Nationalpark unerzogen und schön. Ausser den Biketrails, welche schon fast Funpark mässig sind, flüssig und reibungslos führen sie mich durch das nächste Tal, über einen weiteren Pass nach Livigno. Waren es jetzt drei oder vier Pässe? Die Beine werden merklich schwerer und ich versuche nach Livigno mein Rucksack mit Proviant leichter zu machen. Es ist kurz nach Mittag und ich stehe gut in der Zeit. Der höchste Berg sollte mir noch bevorstehen, dass bin ich mir nicht gewohnt, denn das Hauptmahl knöpfe ich mir in der Regel zuerst vor. Etwas grausam gestaltet sich der Aufstieg zum Pass Chaschauna. Ein schier endloser und steiler Feldweg schlängelt sich hinauf, von anstrengendem Pedalen kann nicht die Rede sein, es ist eher eine brutale Gehirnwäsche. Ich bin am Kämpfen mit mir und diesem Berg. Die letzten paar hundert Höhenmeter erreiche ich, das Bike teils schiebend und teilweise auf dem Buckel, so erklimme ich den höchsten Punkt des heutigen Ausfluges. Auf 2700 Metern über Meer, alles hier oben gleicht einer Wüste aus Stein und Geröll, ab und zu etwas Schnee sonst gar nichts, ausser das hier lustige Leute sich die Mühe machen und so hölzerne Kreuze basteln. Unnötig jetzt das iIrgendwas aus dem Rucksack zu klauben und alles mit der Pseudoknipse festzuhalten. Eines der drei Kreuze wäre jetzt noch frei, jedoch ist es viel zu schade sich hier nageln zu lassen, denn das Dessert steht noch auf dem Plan. Die Abfahrt nach S-chanf ist eine Sahneschnitte erster Güte. Elegant die Kurven, hoch die Absätze über Stock und Stein, eng und schnittig die Spitzkehren und etwas glitschig die steilen Pfade. Weiter unten sanfte und weiche Hügelchen, die mit etwas Speed zum reinsten Flug- und Fahrvergnügen verkommen.

Die absolute Entspannung nach jeglichen Krisen gibts nur nach absoluter körperlicher Ertüchtigung. Mit guten Gewissen geniesse ich abwechselnd die heissen und kalten Bäder des Bogn Engiadina Scuol, welche meinen überbeanspruchten Körper zu pflegen wissen, die Mineralquellen sprudeln hier in Scuol direkt aus den Felsen.

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Ich vergnüge mich auch mit meinen neuen Berg- und Wanderschuhen und entdecke dabei das friedvolle und gemütliche Gehen ebenso wie die schönen Dinge, die ich hier zu sehen kriege. Ich mag an dieser Gegend die einfachen Kirchen und die reichlich geschmückten Häuser, die Blumen, die Schmetterlinge und die Katzen. Beim Durchlaufen des Dorfes ertappe ich die Kidz, die sie sich wie junge Damen und Herren zum Kaffekränzen um einen Tisch gefunden haben. Sie schlecken genüsslich ihr Eis. Nach mehreren neidvollen Blicken meinerseits, heisst es plötzlich «Hol dir doch auch eins!». Ich folge dem Rat und betrete die «Glatscharia Balnot». Es wird hausgemachtes Eis verkauft, die Einrichtung – wohl teilweise aus der Brockenstube – wurden mit viel Herz und Leidenschaft zu einem Café zusammen gezimmert, das Eis wie auch dieser Laden hier entsprechen voll meinem Geschmack.

Ja, ich hätte noch Tage, Wochen und Monate hier verbringen können, diszpliniert wie ich bin, werde ich aber wieder brav in diesen Tunnel zurückkehren. Bevor ich das tue, die angeblich schönste und eindrückliste Bikestrecke von ganz Europa wartet noch auf mein Gütesiegel. Diese befindet sich gleich um die Ecke und endet bei Sur-Enn, damit ich aber das ganze auch Abwärts geniessen kann muss ich frühmorgens noch schnell bei aller Schafskälte pedalend über Österreich nach Italien hecheln, sodass ich den Berg von der richtigen Seite erwische.

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Die Strecke halb so hoch, halb so weit und halb so wild, dafür umso schöner und eindrücklicher präsentiert sich das Val d’Uina. Gerade rechtzeitig fahre ich wieder in Scuol ein, es ist drei Uhr und ich gebe der ganzen Geschichte meinen Segen. Das reicht nochmals für ein Bad im Bogn Engadina Scuol und am Abend bleibt Zeit für ein feines wildes Reh, welches ich im Hotel Astras verspeisen darf. Weil, wenn ich morgen schon heimreisen sollte, dann wenigstens heute nochmals das volle Programm bitte.

posted by chrigu  |  on 26. Oktober 2008
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