Allegra e bainvgnü
Allegra e bainvgnü
Ein Weilchen ist es jetzt her, seit ich mich das letzte mal an den äussersten Zipfeln des Engadins niedergelassen habe. Genau drei Jahre weiss ich aufgrund meines Logbuches zu rechnen.
Dieses mal bin ich allerdings nicht auf der Flucht. Auf den ellenlangen Tunnel kann ich verzichten, meine neue Beziehung machts bekanntlich möglich. Die paar Kehren über den Flüelapass kommen mir so kurz vor, wie die Hausrunden über den Frienisberg. Der Sven Hedin – der weisse VW Bus, tingelt dagegen in Sardinien im Kreis herum und ich bin gespannt wie lange der’s noch machen wird, seine goldenen Streifen sind längst vergilbt und ich sehe den Tag kommen, wo wir in unserem Garten das Grab schaufeln müssen. Einzig die gut bestückte und eingerichtete Küchennische wird mir ein wenig fehlen.
The Inception
The Inception
Ich habe es immer noch mit diesen Ringen. Kreise werden an einem Punkt begonnen und in einer langen Kurve am selben Punkt wieder geschlossen. Einer der grösseren Kreise – weil es mindestens schon ein Jahrzehnt her ist – schliesst sich mir hier.
Und es kommt mir gleich vor als wäre es erst gestern gewesen. Die Arbeitswochen wurden damals organisiert und durchgestaltet, dass ist durchaus praktisch. Die freien Wochenende im Seeland waren dann wieder neblig – null Sicht. Alle Woche wieder am Donnerstag nach Schulschluss mit Kameraden auf der Plattform vor dem Münster das Foster’s Bier kippen, dass konnte irgendwie noch nicht der höchste Punkt gewesen sein. Nein, ich wollte da etwas tun.
Laufbahnentscheidung
Laufbahnentscheidung
Das hat nichts damit zu tun, in welche Umlaufbahn ich mich schiessen lassen möchte, nichts womit ich die Bodenhaftung verlieren könnte. Nur Entscheidungen waren für mich bis anhin immer wieder die grosse Qual.
«Die richtigen Weichen stellen» genoss für mich ganz enfach einen zu hohen Stellenwert. Sollte ich nun auf die Fahrradtour oder aufs Gurtenfest? Radeln kann ich schon fast jedes Wochenend, das Gurtenfest gibts nur einmal im Jahr, also 1:0 fürs Gurtenfest.
Ob der Kollege auch alle Tage bleiben kann? Nein, dass kann er nicht. Heiraten müsse der Verwandte am Sonntag noch. Heiraten tut man schliesslich nur einmal im Leben, das Gurtenfest gibts dann mehrere male noch. 1:0 für die Heiraterei? Vonwegen, das Gurtenfest schenkt mir alle Jahre wieder ein neues Leben.
Finale
Finale
«Finale» ist nicht etwa der letzte Akt eines langen Theaters und auch nicht grosses Kino, wie man aus dem Titel vielleicht schliessen würde. Insider wissen, mit Finale ist hier eine Ortschaft in der italienischen Region Ligurien gemeint. Wilde Tiere kommen hier her, lassen sich von Steinen und Felsen zähmen – weil es vielleicht sonst niemand tut. Sportkletterer suchen gesichert an Seilen nach griffigen Kanten, breite Reifen finden gesichert durch meist horizontale Fliehkräfte und mit ebenso viel Kraftaufwand kontrolliert ihre Pfade.
Aber beginnen wir doch ganz vorne, da wo sich der Horizont ins Unendliche zieht. Tiefblau ist das Mittelmeer, hellblau mit weissen Wolken befleckt der Himmel. Die Strandkörbe noch weitgehendst leer, ein Blick genügt mir, es gibt sonst nicht viel zu sehen. Schon interessanter sind da die mit Milch dicht geschäumten Kaffetassen, welche es entlang der mit grossen Palmen gesäumten Strandpromenade gibt. In Reih und Glied stehen die Cafés aneinander, wie die edlen flachen vierrädrigen Karrossen gegenüber. Ob mir das reicht? Nein, natürlich nicht.
Still sitzen
Still sitzen
Es hat mich erwischt. Die Höhenflüge und Hochs vergangener Werktage und Wochenenden haben mich dazu verleitet, das etwas grössere Hindernis ins Visier zu nehmen. Innert Sekunden habe ich mich entschieden, mit dem Zweirad kurz vor dem Twannberg den gröberen Stein zu überfliegen, anstatt daneben über kleinere Wurzeln zu rollen. Der Geist ist in guter Kondition, meine körperlichen Reserven habe ich aber schon längst im endlos langen Aufstieg kurz nach Biel verpufft – wir nennen ihn auch «Psycho». Die Energien reichen nicht das Zweirad ordnungsgemäss aufzuziehen, mein Hinterrad verfängt sich bei voller Fahrt am besagten Hindernis, auch üppig vorhandener Federweg vermag meinen Fahrfehler nicht zu korrigieren, ich werde aus dem Sattel in ordentliche Höhe geworfen. So finde ich seit längeren wiedereinmal den Weg auf den harten Boden, ein paar Meter hinter dem grossen Stein. Mein Zweirad vollzieht noch ein paar Saltis mehr und findet dutzende Meter vor mir seine Ruhe. Immerhin, wenigstens Steine und Wurzeln bringen mich wieder auf den Boden.
Where Myths and Legends are born
Where Myths and Legends are born
Mind the gap!
Mind the gap!
«Travel is a means to an end. Home.», lese ich auf der Rückseite meines Planes, welcher mir einen Überblick über die Londoner Tubes verschafft. Die Bahn fährt über holprige Geleise, kurz nach Upminster sind die kleinen und runden Wagen noch weitgehenst leer. Was «Home» ist wird mir in ein paar Zeilen weiter unten erklärt. IKEA, so die Antwort eines schwedischen Möbelherstellers.
Gewiss lässt es sich damit zu Hause gemütlich machen. Zufrieden mit dieser Antwort bin ich halt noch nicht. «Home» wird sicher nicht nur aus billigen Stoffen und Hölzern bestehen. Viele Reisen kann man antreten und die Mittel dazu sind ebenso vielfältig. Ausnahmsweise bin ich mit dem Auto unterwegs und bin in den äusseren Vorort von London gekommen, etwas später möchte ich dann per Schuhe durch die schottischen Highlands wandern. Im Kopf kann man aber auch spannende Reisen unternehmen, zu Hause im Garten mache ich das jeweils am Liebsten.
Sich wohl fühlen, ein für mich mittlerweile wichtiger Begriff. Wo man zu Hause ist tut man das in der Regel auch. Wäre es jetzt aber nicht von Vorteil, wenn man überall zu Hause sein könnte? Weil dann erübrigt sich sogleich auch die Frage, wann und wo das oben zitierte Ende erreicht ist. Kompliziert meine Gedankengänge zu verstehen, meine kurze Reise bis nach Upminster vielleicht etwas einfacher.
Where flowers flourish
Where flowers flourish
Es hat sich mittlerweile so eingespielt, im Juli wenn ich hier bin – und wann war ich das eigentlich schon nicht –, stelle ich das Auto vor dem Tierpark Dählhölzli auf einen der vielen freien Parkplätze und beginne meine Wanderung durch den Wald, dort wohnen eingepfercht in Gehegen auch ganz wilde Tiere.
Mein Ziel sind aber nicht die wilden Tiere. Ich will für zwei Tage den Gurten besteigen. Über vier Tage wird am Gurtenfestival feucht fröhlich gelacht, gelebt und Musik gehört und wer will das schon nicht?
Die Aare trennt die wilden Tiere vom Gurtenfestival, zum Glück gibts Brücken, den Schönauersteg. Diesen werde ich auch wieder benutzen, wenn ich meine Schlafstätte zu Hause aufsuchen werde. Es versteht sich von selbst, dass diese Wanderung und vorallem der Abstieg in aller Herrgottsfrühe nur wenig Bier verträgt. Damit werde ich keine Probleme haben, dass weiss ich schon jetzt, noch offen ist allerdings wann ich genau runter kommen werde. Ist das Fest dürftig kanns vor zwölf Uhr werden. Ist das Fest gut, werde ich in kürzester Zeit wieder den Sonnenaufgang geniessen. Es liegt schlussendlich bei mir.
Where dreams comes true
Where dreams comes true
Ich bin an einem geliebten Ort, die Werkstatt wo ich gelegentlich aber seit Jahrzehnten an meinen Allerliebsten, den Zweirädern herumschraube. Während sich geschlagene Ritter dem Yoga, Gesundheitszentren und ähnlichem hingeben oder Prinzessinnen in ihren Türmen ewig vergebens auf ihren Prinzen warten, wende ich mich der mit Fett verschmutzten Kette zu. Entspannt poliere ich die Kassette zu hochglanz, denn Sand im Getriebe ist das letzte was ich gebrauchen kann. Ich sinniere dabei in Gedanken und überlege mir gerade wieviele Rahmen ich schon geputzt und gestreichelt habe. Ich bin bei Bike Nummer 4.
Into the Wild
Into the Wild
Ich bin gerade von Jagd zurück, besteige in Zürich den Zug der mich nach Bern bringen wird. Habe mir hier einen fetten Auftrag erbeutet und will nun die Ruhe, damit ich den Puls in meinen Adern etwas runterbringen kann. Ich bin nicht nur Mensch sondern auch ein Lebewesen, ein ganz athletisch schnelles Tier. Ich suche zur Entspannung auch gerne meinesgleichen, ein paar Abteile durchschlichen, habe ich auch jemand gefunden. Eine wunderschöne Raubkatze, ein ganz prächtiges Exemplar.
Endanflug
Endanflug
Die Welt ist einfach, wenn man sie lieben gelernt hat und zwar mit all ihren Facetten. Mann kann sie nur lieben, wenn man sie versteht. Und nur dann wird man seine Ängste verlieren und seine Freiheiten erstehen.
Schreiblust?
Schreiblust?
Wo ist sie hin, diese Schreiblust. Gut möglich, dass sie irgendwo unter den derzeitigen Schneemassen begraben liegt. Vielleicht wüssten meine Schneeschuhe etwas mehr oder ich frage eines meiner Bretter, welche ich gelegentlich auf dem Rücken mit auf den Berg geschleppt habe. Doch auch diese dürften spätestens beim Durchschweben des weichen und weissen Pulvers das eine oder andere vergessen haben. Nach dem Berghochlaufen und wieder runter «brättlen» schreit die Lust sowieso eher nach Essen als nach Schreiben und ich habe mir noch jedesmal auf der Heimfahrt einen kurzen Abstecher für einen feinen Früchtekuchen in die nächstgelegene Bäckerei erlaubt.
Allegra e bainvgnü a Scuol
Allegra e bainvgnü a Scuol
Endlich, ich sehe langsam Licht am Ende einer langen schwarzen Röhre, der Vereina-Tunnel entlässt mich ins Unterengadin. Die Gegend zeigt sich in seiner vollen Pracht, goldig sind die Lärchen, von gelbgrün bis rötlich das Laub. Die warme Spätnachmittagssonne bringt die Umgebung zum erglühen, während sich ein kalter und blauer Himmel darüber legt.
Es ist genau so, wie ich es mir gewünscht und in meinem Kopf vorgestellt habe. Freudig fahre ich den VW-Bus über die mir nicht unbekannten Strassen in Richtung Scuol, den Sven Hedin – übrigens auch ein alter Schwede – dirigiere ich ohne Umwege auf den Campingplatz Gurlaine, wie ich ebenso problemlos den Trinkhahn für die Frischwassertanks finde. Das iIrgendetwas im «Shuffle-Modus» liefert die perfekten akustischen Untermalungen «feels like home – Phontaine», ich bin nicht das erste mal hier.
Windstille
Windstille
Es gibt Tage da pflege ich die Windstille. Der Sommer steht bevor und alles wird ein bisschen einfacher, allerdings wird es hier schwieriger sein etwas Ruhe zu finden, denn man hat mir dieses Jahr den Terror direkt vors Dorf gestellt.
Es finden die modernen Kreuzzüge statt, die Holländer spielen gegen die Spanier, die Franzosen gegen die Deutschen, die Schweizer gegen die Kroaten und ich frage mich, was die eigentlich alle vor meiner Haustüre suchen.
Kein Problem für mich, solange ich noch beweglich genug bin um meinen Haushügel zu erklimmen, damit ich die Windstille auch dieses Jahr geniessen kann. Seit meine Fahrräder breite und fette Reifen haben sind Ausflüge auf den wenige Bikeminuten entfernten Hügel die Regel. Klar, damals war es mehr Berg als Hügel, aber heute sehen Berge definitiv anders aus. Es ist also eher eine gemütliche Sonntagsspazierfahrt als eine grobe Tour und immer wenn ich ein paar offene Fragen habe, wie zum Beispiel «Wo ich denn überhaupt noch hin soll auf dieser grossen Kugel.» Dann bekomme ich sogleich auch Antworten, «Ich komme wieder hier her.» Irgendwo treffe ich dann mein lieblings Bänkli an, lasse mein Herz auf kaum zählbare 50 Schläge pro Minute sinken und lege mich für eine Weile hin. Die Welt kann mir dann gut und gerne gestohlen bleiben.
Tag des Lärms
Tag des Lärms
Heute ist der Tag des Lärms und da will ich einen Beitrag leisten, doch dazu etwas später.
Eigentlich hätte ich mein Aufsatzthema «Freizeitgestaltung» nennen wollen, nun Aufsatzthemen spielen zur meiner Erleichterung schon lange keine Rolle mehr, aber dies wär jetzt schon wieder ein anderes Thema.
«Lebenslauf» war auch mal so ein Aufsatzthema in der Schule, um bei unseren ersten Anstellungen einen guten Eindruck zu machen und da wusste ich dann auch worüber ich schreiben kann und zwar über meine Freizeitbeschäftigungen. Seit meiner Selbständigkeit sind zwielichtige Referenzpersonen, besuchte Schulen, Zeugnisse und goldene Karriereleitern ebenso uninterressant wie Personalverantwortliche und so bekommt der Punkt «was tun sie in ihrer Freizeit» wieder eine neue Bedeutung. Doch keine Sorge, spätestens mit der Pensionierung kommen dann alle dran.






